„Mia ham’s ja“ – oder: Wie man an der HU Berlin mit Büchern und ihrem Wert umgeht….

 Vertrauen © Liz Collet

Vertrauen © Liz Collet

Berlin ist arm, aber sexy?

Dieser Ausspruch hat wenig Charme, wo es hinten und vorne offenbar so sehr an Mitteln zu fehlen scheint, dass nicht nur tausende Fachbücher in der Bibliothek der Juristischen Fakultät der HU Berlin von Schimmel befallen sind, sondern auch rechtshistorische Werke. Sie waren seit fast 20 Jahren unter dem Dach der Universität gelagert worden und schimmelten offenbar vor sich hin. Ihre zunächst geplante Verbrennung hat die Universität noch einmal aufgeschoben. Wie viele Bücher das retten kann, ist unklar. Allein der Umgang mit dem Problem von Schäden eines Daches und gelagerter und vorhandener Buchbestände aber ist nicht nur eine Frage finanzieller Mittel, sondern auch der Organisattion.

Was hätte ernsthaft gehindert, Bücher mit Hilfe vieler Hände, die sich zweifellos bei einer entsprechenden Aktion bei Studenten und Professoren ebenso bereit finden hätten können (darf man annehmen), wie es Helfer selbst in Akutflutfällen bei der Rekordüberschwemmung Passaus bei weitaus grösseren Hürden unter Beweis stellten, tage- und wochenlang, ad hoc und effektiv organisiert als Selbsthilfe zur Hilfe und via facebook und andere Medien.

Eine von der HU Berlin geplante und organisierte Hilfsaktion hätte wohl zuvörderst bei denen Bereitschaft zum Bücherumlagern und Anpacken wecken können, die selbst das erste und grösste Interesse an ihrem Erhalt und ihrer Verfügbarkeit haben müssten: Professoren und Studenten und Mitarbeiter der HU Berlin. Ehrenamtliche Hilfe gegen Brotzeiten aus der Mensa beispielsweise – in Passau haben Helfer, darunter auch ungezählte Studenten, tagelang für nichts anderes als für solche Belohnung geschuftet und es gern und stolz auf das, was sie leisteten und gemeinsam schafften getan. Wo man in Berlin gern mal über Bayern die Nase rümpft – an manchem würde es nicht schaden, sich ein Beispiel zu nehmen, wenn es selbst an Ideen fehlt.

Über mangelndes Budget zu jammern und dann sehenden Auges Buchbestände verrotten zu lassen, anstatt die Hemdsärmel hochzukrempeln ist noch viel ärmer als weniger Etat zu haben, als man beansprucht.

Kindern bringt man bei, wenn sie so wenig wertschätzend mit Büchern (oder anderen Dingen) umgingen, verdienten sie solche gar nicht. Jedenfalls wenn man sie zum Respekt für Werte und Dinge, die Geld- und Nutzungs- oder sogar noch mehr Wert als solchen haben erzieht. Und notfalls entzieht man ihnen zur Erziehung zu solchem Respekt auch weitere (Geld-)Mittel und Dinge, damit und bis sie diese genug vermissen, um ihren Wert und Nutzen (wieder)zuerkennen und schätzen zu lernen.

Es schadet manchmal nicht, auch Erwachsene und Institutionen gelegentlich so zu betrachten, wie Kinder, die ihr Verhalten überdenken müssten. Bevor sie weitere Hilfe Dritter bekommen, wo sie sich nicht oder nicht ansatzweise selbst um Lösung und Möglichkeiten bemühen und diese ergreifen. Denn alle weiteren öffentlichen Mittel sind solche der Steuerzahlergemeinschaft.

Am 14.11.2014 teilte die HU Berlin mit, ein Teil des Magazins der Bibliothek der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin werde seit 1995 unter dem Dach des Gebäudes der Fakultät gelagert. Diese Lagerung galt schon in den vergangenen Jahren als suboptimal, aber vertretbar. Inzwischen habe sich jedoch – nach den starken Regenfällen des Frühjahrs – der Zustand des Daches dramatisch verschlechtert. Der Dachboden sei für die Lagerung von Büchern nicht mehr geeignet. Fakultätsleitung, Universitätsbibliothek (Grimm-Zentrum), Technische Abteilung sowie das Präsidium der HU hätten sich seitdem um Problemlösung bemüht.

Ein Teil des Bücherbestandes sei seit kurzem mit Schimmel befallen.

1. Deshalb habe das Präsidium im Mai 2014 eine Summe von zunächst 5000 Euro bewilligt, um den kontaminierten Buchbestand „Spezielle juristische Literatur zum römischen Recht und zur römischen Rechtsgeschichte“ zu entschimmeln. Es handele sich dabei um 70 laufende Meter, die in Abstimmung mit der Fakultätsleitung für die Behandlung ausgewählt worden seien, da diese Literatur in der Bibliothek nur in jeweils einem Exemplar vorhanden sei.

Schon hier muss man kritisch fragen, wie man die Lagerung so vernachlässigen konnte, wenn die Literatur dort ohnehin nur 1-fach vorhanden war.

2. Des Weiteren – so die HU Berlin – seien Mittel einer privaten Stiftung in Aussicht gestellt, um diejenigen Bücher zu dekontaminieren, die unikal sind. Die Bibliothek habe sechs laufende Meter identifiziert, die nicht oder nur ein weiteres Mal in Deutschland nachgewiesen sind. Weitere Mittel seien durch den Dekan der Juristischen Fakultät avisiert, um Bücher zu behandeln, die unbedingt erhalten werden sollten.

Auch hier kann die unter Ziff. 1 geübte Kritik nicht anders ausfallen.

3. Die übrigen rund 30.000 Bände seien laut HU Berlin sogenannte Dubletten, die in Berlin mindestens auch noch einmal in der Staatsbibliothek zu Berlin oder im Grimm-Zentrum vorhanden sind. Dabei gehe es um insgesamt 430 laufende Meter juristische Fachliteratur zu den Hauptgebieten des Rechts (Bürgerliches Recht, Strafrecht und Öffentliches Recht) sowie 171 laufende Meter Rechtsliteratur der DDR.

Dass diese Bücher noch an entfernteren Lagerbeständen vorhanden sind, kann kaum den Vorwurf ersparen, dass sie dort weder für Studierende verfügbar sind, noch einen Verlust für Nutzen und Nutzer bedeuten, wenn sie nur noch dort vorhanden wären.

Dass die HU Berlin in ihren Erklärungen dies bagatellisiert mit den weiteren Ausführungen, unter dem Dach des Gebäudes der Juristischen Fakultät lagerten also heute nur noch Bücher, die nicht zwingend zum Fachbestand der Zweigbibliothek gehörten, spottet jeder Beschreibung. Ebenso, dass sie „in kurzer Reichweite zur Fakultät“ noch mehrfach vorhanden seien; so auch die Urteilssammlung des Reichsoberhandelsgerichtes (ROHG). Sie sei im Grimm-Zentrum noch zwei Mal komplett und einmal unvollständig verfügbar. Aktuell werde jetzt der Bestand erneut gesichtet, um eventuell dort noch lagernde wertvolle Literatur zu separieren und zu sichern.

„Jetzt“…….. – warum erst jetzt?

Für die Erneuerung des Daches der Fakultät und seinen lagerungsfähigen Ausbau als Magazin wäre laut HU Berlin – eine Summe von rund fünf Millionen Euro nötig (inklusive Brandschutz und Belüftung). Einen Betrag in dieser Höhe aufzubringen, sei für die Universität leider unmöglich. Das Beispiel zeige (jedenfalls nach auffassung der HU Berlin) erneut, dass die Ressourcen für den Bauunterhalt der zahlreichen wertvollen Gebäude der Humboldt-Universität bei weitem nicht ausreichten. Der Sanierungsstau an der Universität betrage derzeit fast 400 Mio. Euro.

Die Leitung der HU verwahrte sich bereits in der ersten Presseerklärung am 14.11.2014 (und nachdem Die Welt mit ihrem Beitrag überhaupt erst die Öffentlichkeit auf die geplante Bücherverbrennung oder andere -vernichtung aufmerksam gemacht hatte) gegen Parallelen zur Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 und wies darauf hin, es handle sich hier nicht um die Vernichtung von Büchern aus ideologischen Gründen, sondern um einen Schaden, der intern durch rechtzeitige Kommunikation, extern aber vor allem durch Mittel für eine rechtzeitige Gebäudesanierung hätte vermieden werden können. Leider gelte die beschriebene Situation für eine Vielzahl wertvoller und traditionsreicher Universitätsgebäude in Berlin.

In einer weiteren Erklärung der HU Berlin wurde inzwischen am 18.11.2014 mitgeteilt, die Leitung der Humboldt-Universität zu Berlin habe am Montag, den 17. November 2014 beschlossen, den gesamten historischen Buchbestand unter dem Dach der Juristischen Fakultät zu erhalten und auf dem Campus Berlin-Adlershof in trockenen Räumen zwischenzulagern. Es würden alle Bücher umgelagert und nicht vernichtet. (Siehe auch Bericht hier)

Die Frage darf gestellt sein, warum so nicht von vornherein verfahren werden sollte.

Weiterhin liess die HU Berlin wissen, es stünde nach genauer Zählung nun fest, dass der Bestand des Magazins unter dem Dach der Fakultät 25.489 Bücher habe. Davon seien ca. 2450 (oder 70 laufende Meter) bereits von Schimmel befreit worden, wofür die Mittel in Höhe von 5.000 Euro von der Universitätsleitung im Mai 2014 zur Verfügung gestellt worden seinen und nachdem bekannt geworden war, dass durch die starken Niederschläge im Frühjahr Wasser in die Bibliothek gedrungen war und Bücher mit Schimmel befallen waren. Die verbleibenden ca. 23.000 Bücher sollen laut HU Berlin nun alle untersucht und – soweit mit Schimmel befallen – dekontaminiert werden. Anschließend könnten die dekontaminierten Bücher in Adlershof vollständig austrocknen.

Nach dem Umzug der betroffenen Bücher nach Adlershof würden Fakultät und Universitätsbibliothek den Bestand gemeinsam erneut sichten und entscheiden, welche Bücher nicht mehr gebraucht würden und welche im Bestand verbleiben sollten. Über den Umgang mit Büchern, die sowohl aus juristischer wie aus bibliothekarischer Sicht nicht mehr benötigt werden, werde voraussichtlich frühestens im Frühjahr 2015 entschieden. Sie sollen dann je nach Bedarf anderen Bibliotheken zur Verfügung gestellt werden. Die Öffentlichkeit werde darüber informiert.

Die Universitätsleitung verwahrte sich auch in der weiteren Erklärung erneut gegen Parallelen zur Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten 1933 in Berlin.

Offenbar ist ihr das ein besonderes Anliegen. Wünschenswerter als diese wiederholte Betonung wäre allerdings ein pfleglicher Umgang mit ihr anvertrauten Buchbeständen, für deren Anschaffung wie Erhalt sie Verantwortung trägt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s