Der Mann, der………..

Literatur, Krimi, Erstausgabe, Stemmle, Der Meisterdetektiv, Lesezeichen.........© Liz Collet

Der Mann, der……….© Liz Collet

„Ist er’s oder ist er’s nicht….?“ ist nicht nur die Frage, die sich der Portier stellt. In diesem Buch und Kapitel. Ob derjenige vor ihm in dieser markanten Kleidung wirklich Sherlock Holmes sei.

Nein, es ist die – für dieses Genre – klassische aller Fragen.

War er’s? Wer war’s? ……….Wer war der Täter?

Hier spielt das Buch „Der Meisterdetektiv“ bewusst oder zufällig mit einer doppelten Bedeutung der Frage „Ist er’s oder ist er’s nicht? Wenn nicht nur die Frage von Täterschaft, sondern auch rund um das Rätsel der Person des Ermittlers, des Detektivs, einer prominenten Person und Namens Fragen und Ungewissheit besteht.

Mit diesem Buch blättere ich wieder einmal in einem meiner antiquarischen Stücke: „Der Meisterdetektiv“ von Robert A. Stemmle (eigentlich Robert Adolf Ferdinand Stemmle, geb. 10. Juni 1903 in Magdeburg; gest. 24. Februar 1974 in Baden-Baden), Deutsche Erstausgabe, Berlin: Scherl 1937, hier im Bild eine Passage S. 68.

Der Titel der als äusserst selten geltenden Erstausgabe [ Halbleinen. 245 S.], die ich schon vor vielen Jahren als eines der früheren Stücke meiner kriminalliterarischen Bibliothek geschenkt bekam und bereits als junges Mädchen und bis heute liebe (wegen dem Menschen, der sie mir schenkte und der heiteren feinen Ironie des Buches), weicht nicht nur im Titel, sondern auch im Text gelegentlich von den späteren Nachdrucken ab, die dann ebenso wie die Verfilmung unter dem Titel „Der Mann, der Sherlock Holmes war“) erfolgten.

Ich liebe diese als herausragend geltende Kriminalkomödie, in der zwei Privatdetektive in der Not ausbleibender Aufträge auf die Idee verfallen, sich von ihrem letzten Geld wie Sherlock Holmes und Dr. Watson zu kleiden und mit den klassischen Utensilien (Geigenkasten, Pfeife, etc) auszustatten und – obgleich sie stets bestreiten, Sherlock Holmes und Dr. Watson zu sein – von jedem dafür gehalten werden. Auf diese Weise werden ihnen die Detektivaufträge nachgerade nachgeworfen und so bekommen sie die Möglichkeit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Es kommt indessen, wie es kommen muss: Irgendwann setzt der Zweifel an den Identitäten als die beiden Meisterdetektive ein – und der Staatsanwalt beginnt mit einem Prozess gegen die beiden wegen Betruges und anderer angeblicher Delikte.

Abgesehen vom Vergnügen an Kriminalgeschichten mag ich das Buch auch aus einem anderen Grund:

Sie ist eine feinsinnige, humorvolle und spannende Geschichte und Parabel auf die Menschen, den Herdentrieb und die Gesellschaft, ihre Vor- und anderen vorschnellen Urteile und wie diese sich allzuleicht selbst täuschen. Und zwar gänzlich gleichgültig, was ein Einzelner oder – wie in diesem Buch die beiden Hauptfiguren – stets wahrheitsgemäss beteuern.
Herrlich an der Romanfassung sind auch die ironischen Seitenhiebe auf die Kriminalliteratur.

Hans Albers verkörperte in der Verflimung „Sherlock Holmes/Morris Flynn“ an der Seite von Heinz Rühmann als „Dr. Watson/Mackie MacMacpherson“ und neben Hansi Knoteck als Jane Berry unter der Regie von Karl Hartl bei Universum-Film AG Berlin (Ufa).
Hansi Knoteck war erfolgreiche Sängerin, Theater- und Filmschauspielerin, die ihren Höhepunkt in den 30er Jahren erlebte, 1940 heiratete sie den Schauspieler Viktor Staal Mit ihm und dem gemeinsamen Sohn lebten sie dann in München. Später oftmals als „nur“ heiterer Ufa- und Heimatfilmstar dargestellt, war auch Hansi Knoteck sicher mehr, nicht nur in der Kostümbildnerei und den Kleidern des Theaters und Films. Sie war während der Kriegsjahre Mitglied des deutsch-österreichischen Anti-Nazi-Untergrunds.

Der von Hans Albers und Heinz Rühmann in dem Film in der Badewanne des Hotels gesungene Titel „Jawohl meine Herren, so haben wir es gern“ gehört zu den bekanntesten Melodien des Deutschen Films.

Das Buch ist auch ein lehrreiches Beispiel dafür, dass und warum man Aussagen von Zeugen, ja sogar sog. sachverständigen Zeugen und Gutachtern stets mit äusserster Zurückhaltung ohne jeden Zweifel begegnen muss, denen menschliche Charakterzüge sowenig fremd sind wie Verdächtigen, Richtern, Staatsanwälten und Otto Normalbürger.

Mit feiner Ironie wird gezeichnet, wie die Menschen SICH selbst täuschen, ohne von den beiden getäuscht zu WERDEN. Nur zu gerne – um sich wichtig zu machen, aus Eitelkeit, aus selbsteitler Prahlerei über ihr vermeintliches Wissen, Erkennen und ihre selbstverliebte angebliche Menschenkenntnis – reden sie sich selbst und anderen ein, wer die beiden Detektive seien.

Ähnlich wie in heutiger Zeit Lieschen Müller und Otto Normalbürger sich durch Paparazzi und Handyshots über, mit und hinter dem Rücken und dem Gartenzaun und über diesen hinweg unterhalten und zu unterhalten suchen, weil mit der Nähe zu Ruhm und Berühmten ihrem eigenen nur allzualltäglichem Leben einen helleren Licht- und lieber noch Scheinwerferglanz abzugeben scheint, verlieben und täuschen sich nur zu gern in jenem Buch vom Zugschaffner über den Hotelportier und Hoteldetektiv bis hin selbst zur Kriminalpolizei, welche die beiden vermeintlichen Meisterdetektive zu Rate ziehen mit der Vorstellung, Sherlock Holmes und Dr. Watson persönlich zu begegnen.

Kein Leugnen, kein Bestreiten, kein Beschwören, sie seien es NICHT durch die beiden selbst, verhindert oder stoppt, dass gerade das Gegenteil geschieht. Die Gerüchteküche entzündet sich gerade daran, ja selbst Staatsanwalt und Gericht werfen ihnen später vor, gerade das Bestreiten, das Leugnen habe ja die Täuschung dargestellt, denn sie gerade habe ja dazu geführt, dass die Leute wirklich geglaubt hätten, dass sie die beiden Berühmtheiten seien.

„Ja hätten wir denn behaupten sollen, wir seien es, damit man uns glaubt, wir sind es nicht !?“ ist die Gegenfrage, mit der die Absurdität vor Augen geführt wird, wie man sich gegen die Illusion und Selbsttäuschung schützen könne – oder eben gerade nicht. Sie und die darin zutage tretende Verzweiflung spiegelt auch das Dilemma von Verdächtigen, Beschuldigten und Angeklagten, deren Aussagen wie Schweigen, Leugnen wie Aussageverweigern beliebig von Dritten interpretiert werden. Ein Blick in Kommentare von social media liefert ungezählte Beispiele von Vorurteilen und vorschnellen Urteilen, die vielfach völlig losgelöst von Fakten mit dem Brustton der Überzeugung Fähigkeiten zur Urteilsbildung und -vollstreckung beanspruchen. Noch weniger selten dort mehr Ausdruck von Likes & Hates, von Sympathie und Antipathie, von Lemmingen und anderen Herdentriebrennern.

Erweist sich ihr Urteil, ihre Meinung als falsch, KANN es trotzdem oftmals dann nicht anders sein und für ihren (selbst)gerechten Zorn und Empörung finden sie immer noch und auch dann noch eine Rechtfertigung, dass und warum die Schuld gleichwohl beim anderen liege und auch Strafe verdiene.

Der Zorn der selbstverliebt sich Selbsttäuschungen Hingebenden richtet sich – natürlich – nie gegen sich selbst. Sich einzugestehen, dass nicht der andere die Schuld an den eigenen Illusionen trägt, an den Selbst-Täuschungen der Selbstgetäuschten, das ist die Begegnung mit der Blamage, der Peinlichkeit der eigenen Schwächen, der Eitelkeiten, der Gefühle von Unzulänglichkeit, der mangelnden Fähigkeiten vermeintlicher Menschenkenntnis. Der Kenntnis nicht nur der anderen Menschen, sondern zuallererst mit dem Menschen, der man selber ist. Der nicht nur durch Täuschungen anderer, die so geschickt sind, dass man ihnen erliegt und für die man nichts kann, wenn sie nur geschickt genug sind, an der Nase herumgeführt wird – und sich anschliessend schon dumm genug vorkommt. Sondern dem Menschen, der durch seine eigenen Schwächen – Eitelkeit, Sucht nach Wichtigkeit, grösserer Bedeutung als andere zu erlangen, Aufmerksamkeit zu heischen, nicht durch eigene Leistung, sondern die Bedeutung anderer – zur Täuschung nicht nur des Verstandes anderer beiträgt, …sondern sogar den eigenen Verstand täuscht und belügt.

Wie Wilhelm Busch auf den Punkt brachte :

„Verlockend ist der äussere Schein. Der Weise dringet tiefer ein.“

Es ist die Oberflächlichkeit der Menschen und ihre Neigung dazu, dieser mehr Glauben zu schenken, mehr Vertrauen, als dem, was hinter den Dingen und Menschen an Unausgesprochenem, aber Tatsächlicherem steht.
Es hat seinen guten Grund, warum in Prozessen der Zeugenbeweis – obwohl er sich nur auf TATSACHEN und nicht auf Meinungen beziehen soll – als das unsicherste Beweismittel gilt.

Eine der beeindruckendsten Filmarbeiten dafür ist – ungeachtet vieler auch bemerkenswerter filmischen Arbeiten des Themas ( wie zB „Wer die Nachtigall stört“) für mich der Film „Die 12 Geschworenen“. Dieses Kinofilmdebüt des US-amerikanischen Regisseurs Sidney Lumet aus dem Jahr 1957 beruhte auf dem Fernsehspiel nach der Vorlage von Reginald Rose vom 20.September 1954 und wurde nach 2 Wochen Proben in nur 21 Tagen abgedreht, wurde für Oscars in 3 und Golden Globe Awards in 4 Kategorien nominiert und mit vielen anderen Preisen ausgezeichnet. Er gilt bei Soziologen und Psychologen bis heute als ein Musterbeispiel zur Anschauung von Rollenverhalten, Gruppenverhalten und gruppendynamischen Prozessen. Interessant an der kameratechnischen Umsetzung war die Idee Lumets, zur Herstellung einer klaustrophobische, Stimmung für die Filmkameras Linsen mit einer längeren fokalen Brennweite zu verwenden, so dass aus der Sicht des Zuschauers die Darsteller mit dem Bildhintergrund verschmelzen.

Die Beratung der Jury scheint zunächst schnell zu einem Urteil zu führen und die Schuld des Täters schon nach wenigen Tagen nach Prozessbeginn festgestellt zu haben. Ein 18-jähriger Puertoricaner aus den Slums soll seinen Vater kaltblütig ermordet haben. Durch zwei Zeugenaussagen scheint alles gegen den Angeklagten bewiesen zu sein. Doch im ersten Wahlgang votiert der Geschworene Nr. 8 als einziger der 12 Geschworenen gegen die Schuld des Jungen. Erst Ungläubigkeit, Unverständnis der übrigen 11, die ihn für nicht verständig genug halten, zu kapieren, was sie selbst doch offenkundig beurteilen anhand des Beweises der Zeugen, dann Bemühung, ihn mit allen möglichen sachlichen oder unsachlichen Argumenten von ihrer eigenen vorgefassten Meinung zu überzeugen, schliesslich Ungeduld, Zorn, weil er nicht nur selbst nicht seine Meinung wechselt, sondern andere nach und nach seiner Meinung folgen. Langsam werden so die Argumente der Mitgeschworenen entkräftet und Ungereimtheiten der Beweisführung aufgedeckt. Bis zuletzt nur der aufbrausende und befangene Geschworene Nr. 3 bleibt, der unter der Trennung von seinem eigenen 18-jährigen Sohn leider und seinen Hass auf den gleichaltrigen Angeklagten projiziert, aber schliesslich unter dem Druck der anderen elf Geschworenen zusammenbricht und sich dem Votum auf „Freispruch“ anschliesst. Dabei ist prägnant an der Person des von Henry Ford verkörperten Geschworenen Nr. 8, dass dieser nicht etwa aus wissender oder überzeugter Unschuld anfangs als einziger auf Freispruch stimmt, sondern weil er „nur“ nicht von der Schuld überzeugt ist …ohne jeden Zweifel.

Im Jahr zuvor war Henry Ford in dem Film „Der falsche Mann“ unter der Regie von Alfred Hitchcock – allerdings dort in der Rolle des fälschlich Angeklagten – zu sehen, der die Romanvorlage von Maxwell Anderson zu dem tatsächlichen Kriminalfall von Christopher Emmanuelle Balestrero verfilmte und in noch dramatischerer Weise das Thema der Oberflächlichkeit von Urteilen, Vorurteilen und vorschnellen Urteilen durch Zeugen und Menschen umsetzt.
„Der falsche Mann“ ist – nebenbei – der einzige Film von Hitchcock, in dem er – nicht wie geplant – wieder in einer Einstellung zu sehen ist, sondern im Prolog zum Film zu hören.

Anders als in diesen beiden beeindruckenden Werken von Lumet und Hitchcock spielen „Der Meisterdetektiv“ ebenso wie „Sein grösster Bluff“ auf – letztlich humorvolle Weise – mit dem Motiv des Märchens „Des Kaisers neue Kleider“ von Andersen. Jedoch leben beide und das Augenzwinkern, mit dem am Ende die Sich-selbst-Betrügenden und der Leser und Zuschauer den „Schummlern“ verzeihen, davon, dass diese nicht zu kriminellem Eigennutz und eigener Bereicherung handeln und ihnen die eigenen Schwächen mit einem Eulenspiegel vor die Nase halten und vor Augen führen, sondern listig aber ohne Schaden für andere versuchen, aus ihrer eigenen Not und den Vorurteilen der anderen eine Tugend zu machen, um etwas Gutes zu erreichen.

In dem britischen Filmklassiker „Sein grösster Bluff“ ( „The Million Pound Note“) mit Gregory Peck unter der Regie von Ronald Neame wird jener als schiffbrüchig aufgefischter junger Amerikaner Henry Adams in London „Opfer“ der verschrobenen Wette zweier alter Junggesellen: Sie geben ihm eine 1-Million-Pfundnote unter der Bedingung,diese nur herzeigen, aber 1 Monat lang nicht ausgeben zu dürfen, um – was sie ihm zunächst nicht verraten – festzustellen, welche enorme Wirkung allein der Anschein von Reichtum habe und was allein dieser (positives) bewirken könne für einen Mann.
Er erfährt nur, dass es um eine Wette gehe und sollte ihm gelingen, das Geld einen Monat lang nicht ausgeben zu müssen, erhalte er nach Ablauf des Monats eine Arbeit für ein gesichertes Einkommen.
Ebenso wie dort spielt auch „Der Meisterdetektiv“ mit der Neigung der Menschen, allzu schnell dem äusseren Schein in ihren Urteilen und Werturteilen zu folgen. In beiden Filmen zeigt sich dann auch, dass zudem der Zorn der Menschen, die sich nur allzu gern selbst durch den äusseren Schein täuschen, sich auch dann gegen die anderen richtet, wenn allein sie selbst SICH täuschten und nicht einmal durch einen Dritten getäuscht WERDEN.

Aber auch hier wie in Andersens Märchen und den genannten Filmklassikern gilt, was bereits der griechische Rhetoriker Demosthenes beschrieb :

„Nichts ist leichter als Selbstbetrug, denn was der Mensch für wahr halten möchte, das hält er auch für wahr.“

Manches scheinbar oberflächlich Betrachtete oder scheinbar Oberflächliche lohnt eben oft, doch hinter die Kulissen, die Kleider und die geistige Bekleidung der Meinungen und Urteile zu blicken. Es muss nicht immer „Der Hauptmann von Köpenick sein“, der als Schullektüre oder Denkanstoss für manchen dienen könnte. Manchmal tut es auch ein heiterer Krimi. Und vielleicht auch einer der schon etwas älteren im Bücherschrank……

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