Books to Meet Again: Macht und Leben

 Macht und Leben © Liz Collet

Macht und Leben © Liz Collet

Wenn Bücher wie Begegnungen sind, mit Welten, Orten, Geschichten, Menschen, so mutet ihre erneute Lektüre eine Zeit, vielleicht eine längere Zeit nach dem erstmaligen Lesen wie eine erneute Begegnung an.

Je nachdem kann es – wie bei alten Freunden – sein, dass sie uns fremd geworden sind, aus einer Distanz von Zeit und Raum anders, vielleicht erstmals genauer und besser wahrgenommen werden oder auch mehr oder weniger unverändert erscheinen und geblieben sein mögen. Und mit der Erfahrung, den Erfahrungen, der Lebenserfahrung und (besseren) Menschenkenntnis, die wir uns selbst in der dazwischenliegenden Zeit (vielleicht, hoffentlich) hinzuerworben haben, verstehen wir manches auch überhaupt erstmals oder eben besser, differenzierter, lebenserfahrener und aus einem selbst geweitetem Blickwinkel. Und aus der Perspektive des Blickes zurück auch unter Berücksichtigung der inzwischen weiter bewegten und veränderten Welt im Grossen wie im Kleinen ist das nicht selten sehr spannend………..

In der Reihe der „Books to Meet Again“ gehört für mich auch dieses Buch dazu, das deswegen zur Zeit wieder auf dem Lesesofa liegt.

Ich habe es mir geleistet, als ich frisch gebackene Referendarin war. Und mir daher nicht nur durch die damit einhergehende Stellung und Einkommen als „Beamtin auf Widerruf“ zwischen erstem und zweitem Examen sicherer als vorher auch einmal kleine Extraausgaben leisten konnte. Sondern durch zusätzliche Arbeit als Lehrstuhlassistentin am Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie einerseits und zudem in einer Bäckerei in Regensburg über (selbstverständlich korrekt genehmigte) Nebeneinkünfte verfügte, mit denen ich mich schier reich fühlte. Ich konnte nicht nur weiterhin einiges ansparen, sondern auch eben übermütig mal Bücher kaufen. „Reich“ genug, um mir auch Bücher zu leisten, die ich mir sonst eher nicht gekauft, sondern in einer der Bibliotheken zu leihen versucht hätte, wie zuvor, wann immer möglich. Nicht, dass ich Büchereien weniger besucht oder genutzt hätte – meine Ausleihkarten waren immer bis zum Anschlag der ausleihbaren Bücher ausgereizt.

Aber heute macht das den Unteschied, dass manches Lesefutter von damals nicht nur wieder in Regalen solcher Bibliotheken, sondern eben manche der Bücher bis heute bei mir im Bücherschrank stehen.

Auch dieses von Valéry Giscard d’Estaing.

In seinen sehr persönlich gehaltenen Erinnerungen schreibt Valéry Giscard d’Estaing über die ereignisreichen Jahre 1974 bis 1981 seiner Zeit als Staatspräsident der französischen Republik. Nicht nur die tagespolitischen Geschehen dieser sieben Jahre finden darin aber Platz und Schilderungen der Begegnungen mit „den Großen dieser Welt“.

Auch ganz menschliche Dinge wie persönliches Wohlbefinden, Sympathie oder Antipathie und ihre Rolle bei und für solche Begegnungen und die Wirkungen für diplomatische wie politische Gespräche und Verhandlungen, Erfolge wie Mißerfolge werden für den Leser wahrnehmbar. Dies geschieht nicht in der skandalisierenden Stilform, wie sie heutigen Print- und Online- , Sozialen oder Boulevardmedien eigen sind, sondern in einer empathievollen, sensitiven und nicht bloßstellenden Weise, wenn Valéry Giscard d’Estaing sie bei Politikern wie Georges Pompidou, Leonid Breschnew und auch Helmut Schmidt thematisiert, der solche  unlängst auch selbst erneut in die Medien brachte.

Dass Politiker auch mit gesundheitlichen Hürden zu kämpfen haben, wie sie dabei aber oftmals noch mehr mit der Meinung von Medien und Öffentlichkeit so zu kämpfen haben, dass es nicht selbstverständlich ist, damit auch an die Öffentlichkeit gehen zu können und wollen, haben Betroffene in jüngster Zeit thematisiert. Manche erst nach überstandene Erkrankungen, manche in Respekt verdienender Weise von Anfang an – und nicht immer nur, weil es ohnehin nicht zu verheimlichen gewesen wäre, weil sie zB am Arbeitsplatz zusammenbrachen, wo Dritte oder auch Presse vielleicht ohnehin anwesend war. Sondern weil es überfällig ist, Menschen nicht ad hoc politisch und am Arbeitsplatz abzuschreiben, weil sie als Politiker wie andere auch gesundheitlich nur Menschen sind. Beispiele wie Markus Sackmann und anderer, die auch beispielsweise in diesem Beitrag zu Wort kamen, sollten nachdenklich machen, welche „Kultur“ im Umgang mit Menschen, Gesundheit und Krankeit in Gesellschaft, Öffentlichkeit und Politik wichtig und richtig ist.

Solche auf den ersten Blick Lesern unbedeutend erscheinenden Aspekte werden von Valéry Giscard d’Estaing aber auch so in Kontexte eingebettet beschrieben, dass sie vermitteln, welche schwerwiegenden politischen Konsequenzen solche haben können, wie wenig wichtig solche persönlichen Befindlichkeiten sein können und müssen in Situationen, in welchen Politiker unter dem Diktat von Zeitplänen und scharf beobachtender und schonungslos wertender oder (vor)verurteilender Presse und Medien stehen.

Auch Bewertungen von Persönlichkeiten der internationalen Politik sind in diesem Buch zu lesen, nicht zuletzt auch zu den Begegnungen mit Helmut Schmidt, mit dem Valéry Giscard d’Estaing eine vertrauensvolle Freundschaft beschreibt und verbindet. Aber auch solche mit dem Schah von Persien, Ayatolla Khomeini, Jean Monnet, US-Präsident Carter, Hugh Gaiteskell, Franz Josef Strauss und andere werden beschrieben und sind auch in rund 20 Fotos in dem Band zum Teil zu sehen.

Interessant sind neben der Schilderung des Umgangs mit Staatsgeheimnissen auch die Kaptiel über Frauen in der Politik und über die in seiner Amtszeit geltende Regelung der Todesstrafe, die auch in dieser Zeit dreimal verhängt worden war.

Im Anhang findet sich eine als streng vertraulich bezeichnete Mitteilung von Michel Poniatowski an den Präsidenten der Republik vom 29.12.1978 mit dessen Bericht über seine nach den Instruktionen Valéry Giscard d’Estaings erfolgte  Reise nach Teheran vom 2.-28.12.1978 und mit Notizen über dortige Gespräche, Einschätzungen und zu befürchtende Entwicklungen in der dortigen Region auch an der Grenze zu Afghanistan.

Es sind – auch – solche Einblicke in Schilderungen einer politischen Persönlichkeit, die zeigen, dass und wie politisches Handeln, Einschätzungen aus Erfahrungen und Begegnungen der Vergangenheit wie Gegenwart sich für künftige internationale Bündnisse und Zusammenarbeit auswirken können, ob und wie zutreffend und friedenserhaltend oder -fördernd sie wirken können ……….oder auch nicht. Und die auch vermitteln, dass es lohnt, den Blick auch zurück aus Erfahrungen und Geschichte zu richten, um daraus für Heute und Morgen zu lernen. Und dass Bücher wert sind, ihnen und Themen, Gedanken und Menschen ihrer Zeit mehr als einmal zu begegnen.

Valéry Giscard d’Estaing, Macht und Leben, Erinnerungen, Ullstein Verlag, [Titel der französischen Originalausgabe: Le Pouvoir et la vie, published by Compagnie 12, Paris 1988],Verlag Ullstein GmbH 1988, ISBN 3-550-07936-2

Mit welchen Büchern geht es IHNEN so? Welche Bücher würden Sie als Tipp nennen für die Kategorie „Books to Meet Again“?

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