Über den Umgang mit Büchern – Guggen Sie mal in Ihre Ecke….

Guggen Sie mal in Ihre Ecke….Haben SIE da auch schon mal eines hineingepfeffert? Metaphorisch oder real?

(Mein Kopfkino surrt…über das vielleicht zu korrigierende Bild über den geschätzten  André Niedostadek – ob er wüüüüürklüüüch Bücher in Ecken wirft? Jemand kichert hier in der kleinen Lindenburg ob des Bildes diesen Kopfkinos. Ich schiebe es mal auf die Fellracker, das Kichern.)

Im Ernst: Mit Büchern so umgehen???? Mit BÜCHERN?

Ich grüble in den Untiefen der Erinnerung bei den Kapiteln unverdaulichen Lernstoffes zu Schul- oder Studienzeiten. Habe ich da nicht vielleicht doch einmal….? Bücher in die Ecke …………….?

Nein, .da kann ich guten Gewissens sagen: ein Lernheft mal durch das Zimmer zu pfeffern aus Zorn und Unmut – EINE Sache. (*Hüstel*) Aber nicht Bücher. DAS ist eine andere Sache.

Nicht dass Sie das falsch oder unterschätzen! Mein Temperament ist durchaus nicht immer so sanft, wie manche irrig glauben. Eine meiner Sekretärinnen gab einer neuen Kollegin mal den Tipp, dass man von mir nie ein lautes Wort zu hören bekäme. Aber wenn ich noch leiser als sonst würde, dann wäre Alarmstufe Rot – dann würde es gefährlich, dann hätte man richtig Mist gebaut.

Es gibt ja Mitmenschen, auch Kollegen, die einen dann leicht unterschätzen – und glauben, ihren Spielraum folgenlos übertreten zu können, wenn man nicht wie sie lautstark und vermeintlich autoritätsgeplustert in Gerichtssälen oder anderen Verhandlungs- und sonstigen Terminen auftritt oder gar (auch das habe ich ungelogen erlebt) gar mit Gesetzbüchern (!) und nicht nur §§ um sich wirft.

Mit Büchern werfen?

Aus Zorn, Enttäuschung, Ärger, Unmut, Ungeduld?

Manches mag mein Temperament ausbrechen lassen. So kam es vor, dass ein mit Brautpfennigen gefülltes Heurigenkrügerl an der Innenseite der Tür meiner Studentenwohnung zerscheppernd alle Brautpfennige durch die kleine Wohnung zu mir zurückkullernd liess, während diese sich gerade schliessen wollte.  Während eine Stimme hinter der fast geschlossenen Türe amüsiert lakonisch fragte „Musste das sein!?“. Vermutlich nicht mit der prompten Antwort rechnend: „Und ob!“

Um das Heurigenkrügerl, das – nebenbei bemerkt auch noch ein Asservat aus einer Tat nach § 242 StGB aus einem Passauer Biergarten war, von wo es in einem Fotokoffer geschmuggelt für mich gediebt worden war, von eben jenem, dem es dann bei der Türe hinterherflog – tat es mir hernach leid, naturellement.

Trotzdem ist man gegen temperamentvolle Didaktik durch Drastik nicht immer gefeit.

So wurde (nachdem die Brautpfennige später ihrer Bestimmung zugeführt worden und in Brautschuhe längst gewandelt worden waren) auch der  wenig liebevolle Umgang meines Geschirrs, das an solchem Umgang zerbrach nach mehrfachen vergeblichen sanften Bitten um pfleglicheren Umgang  mit der trockenen Ankündigung quittiert, dass das nächste zerbrechende Teil ein Bierglas aus einer Sammlung des Hausherrn sein könnte. Dumm, wenn man nicht ernst genommen wird. Vor allem nach Erfahrungen mit Heurigenkrügerln, die es besser wissen lassen könnten. Es ist ein Fehler, mich nicht ernst zu nehmen, wenn ich schon mal den Rahmen meiner üblichen Sanft- und Langmut zu verlassen in Erwägung ziehe und selbiges ankündige. Würklüch….. sowas ist ein Fehler. Man kann die Langmut einer Jungfrau lang an ihrer Vernunft entlang strapazieren. Aber nicht endlos dehnen. Ich musste seinerzeit nacheinander zwei Biergläser killen, bis auch mein Geschirr und Lieblingsgläser fortan bruchfrei von einem ob solcher Konsequenz seines Eheweibes fassungslosen Herrn des Hauses behandelt wurden. Nach dem ersten Auge um Auge-, pardon: Bierglas um Weinglas-Akt hatte er wohl noch ein Versehen für möglich gehalten. Und nach der trockenen Replik „Fordere es lieber nicht heraus“ noch gelassen-spöttisch gemeint: „Sowas würdest DUU doch nicht ……….“ Das Wörtchen „tun“ wurde bereits von einem klirrenden Geräusch überholt………
Das zweite Glas zerbarst gleich ohne Umweg über den Küchenboden im Mülleimer. Die Therapie war wirksam. Zum Glück. Ich zerbreche wirklich ungern Geschirr und Gläser. Sehr ungern.

Was ich aber niemals auch nur in eine Ecke werfen würde, sind Bücher. Wen würde man mit dem Wurf eines Buches in eine Ecke auch beeindrucken. Das Buch? Den eh nicht anwesenden, wenn überhaupt noch lebenden Autor? Was würde es ihn be-oder kümmern, nachdem das bereits gekaufte Buch ihm keinen Cent der Tantiemen rauben würde, wenn es in eine Ecke fliegt?

Nein, Bücher sind – ob gut, gelungen, interessant oder enttäuschend – einfach nicht lieblos von mir behandelbar und würden nie in eine Ecke fliegen.

Zwei von anderen Menschen lieblos behandelte und damit beschädigte Bücher sind mir besonders gut in Erinnerung. Beide wurden nicht von mir beschädigt, sondern von denen, die sie von mir ausgeliehen hatten. Eines kostete eine Freundschaft, nicht wegen der Beschädigung als solcher, die nahm ich nicht tragisch- Gegenstände können kaputt oder verloren gehen. Versehentlich. Nicht der Schaden als solcher ist es. Sondern das Verhalten, das dazu führt. Oder das Verhalten danach. Ein anderes ist mit der Lektion verbunden, dass gleiches Recht nicht für alle gilt. Beide Geschichten haben dazu beigetragen, Bücher von ganz wenigen Ausnahmen und Menschen abgesehen nicht mehr zu verleihen.

Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt je eines der Bücher, die bei mir eingezogen sind, ob selbst gekauft oder geschenkt erhalten, wieder weiter zu verschenken oder zu verkaufen bereit war. Als ich vier Exemplare von Rosendorfers Briefe in die chinesische Vergangenheit im Regal stehen hatte (ein selbst gekauftes, eines mit Widmung vom Autor an mich persönlich, zwei geschenkt erhaltene), war es Zeit für die Überwindung der Schwelle „Ich geb keines meiner Bücher wieder her“.
Vom selbst gekauften trennte ich mich zuerst. Die Hemmschwelle ein als Geschenk erhaltenes Buch (wie undankbar!) weiter zu verschenken oder gar zu verkaufen war noch zu hoch. Unmöglich bis heute: Bücher in den Müll zu werfen. Ausnahme: Aussortierte Loseblätter aus entsprechenden Fachbüchern etc.

Aber kommen wir zurück zur Frage von André Niedostadek:

„Mal ein Buch in die Ecke geworfen, das im neuen Anlauf doch gefallen hat? – 2te Chance?“

 

Reader's Digest © Liz Collet

Reader’s Digest © Liz Collet

Es gab ein paar Bücher, für die ich zwei oder mehr Anläufe brauchte, bis ich über die ersten Seiten hinaus kam. Und sie dann doch las. Und bei manchen lagen Monate und manchmal sogar mehr als ein Jahr dazwischen.

„Mord am grossen Fluss“ von Peter Scholl-Latour beispielsweise gehörte dazu.

„Taxi nach Tobruk“ von René Havard ebenso, obwohl ich dieses nur in der Kurzfassung der Reader’s Digest Ausgabe las, die im Bücherschrank meiner Eltern gestanden hatte.

Und „Das Echo des Löwen“ von Barbara Chase-Riboud hat es trotz mehrerer Anläufe seit ich es 1990 (!) geschenkt erhielt, nicht über die ersten 20 Seiten geschafft, mich bei den Seiten zu halten.

Thomas Mann’s Buddenbrocks haben mich beim ersten Anlauf in meiner Geduld strapaziert und bei weiteren Versuchen ermüdet. Bis heute verstehe ich nicht die Begeisterung anderer an diesem Buch. Und nur begrenzt die an Thomas Mann – aber das mag daran liegen, dass ich Person und Persönlichkeit des Autors kritisch sehe. Bei aller Fähigkeit zur Abstraktion, auch zu der zwischen Autoren (in der Person, ihrem Leben, Verhalten) und ihren Werken muss man Bücher nicht mögen, schätzen oder gern lesen, nur weil sie zur sog. Weltliteratur gehören. Bücher lesen zu müssen, ob sie einem gefallen oder nicht oder über die ersten Seiten hinaus interessant und lesenswert anmuten, mag in der Schule Pflicht gewesen sein. Erwachsene Menschen können das zum Glück frei entscheiden.

Bei manchen Büchern lohnen mehrere Anläufe. Einige von Hesse, auch eines von Kesten und zwei von Zweig brauchten zwei Anläufe, um in das Buch zu finden. Und dann gar mehrmals und mehrmals gern und immer wieder mit neuem Interesse und Interessantes darin zu entdecken, zu lesen.

Wenn Bücher wie Freunde sind, so muss man manche Freundschaften mit Büchern wie die mit manchen Menschen gewinnen – manche brauchen ihre Hürden. Manche Bücher brauchen ihre Zeit, in der sie sorgsam in eine Ecke des Regals gestellt auf ihre Zeit warten, bis der Mensch für sie reif(er) ist. Manche Menschen sollte man in eine Ecke stellen können, bis sie reif sind, was leider nicht allen gelingt. Bei Büchern und Wein sind leider die Chancen manchmal unfairerweise besser. So ist das Leben.

Über den Umgang mit Büchern………..lässt sich manches schreiben.

Und  über den Umgang mit Menschen mit  Büchern kann man viel über Menschen und Bücher lernen……

Manches. Nicht alles. 🙂

Advertisements

Ein Gedanke zu “Über den Umgang mit Büchern – Guggen Sie mal in Ihre Ecke….

  1. Pingback: Über Bücher, Büchermenschen und Bücherbanditen und die Grenzen der Notwehr mit Bratpfannen | Lizchens Büchersofa

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s