Zustand & Zuständigkeiten – Wer rettet Bücher noch?

© Liz Collet

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Für Bibliotheken gibt es sie sicher noch – Experten mit der Ausbildung und den Fähigkeiten, auch die ältesten Bücher und Buchschätze so zu pflegen und zu restaurieren, dass sie erhalten werden. Nun ja, wenn die betroffenen Bücher sich nicht gerade an einer Universität befinden, in welcher man nicht genug unternimmt, um Nässe und Schaden durch solche rechtzeitig zu verhindern.

Aber wer sich als Laie und Privatbesitzer von Büchern, die ihm schon in derangiertem Zustand in die Hände und den Schoß fallen, auf die Suche macht nach jemandem, der auch nur ein Buch halbwegs wieder instandsetzen könnte – sei es den losen Buchrücken wieder fixieren, geschweige denn mehr, wird schnell ratlos vor Sackgassen mit seiner Frage stehen, wer da helfen könnte.

Beinahe höre ich schon die Verfechter von eBooks triumphieren, dass derlei mit solchen niemals geschehen könnte. Schliesslich seien diese jederzeit unbeschadet und ohne Alterserscheinungen verfügbar. Schon beim Stichwort „jederzeit“ kann man trefflich diskutieren, wie weit „jederzeit“ zeitlich reicht, wenn es keine Möglichkeit zum Aufladen des Akkus gibt. „Unbeschadet“ ist eine weitere Theorie, die erst noch der Probe auf’s Exempel bedarf, wenn das heruntergeladene eBook als digitales Medium vielleicht doch beschädigt oder je nach updates von Software nicht mehr lesbar werden und bleiben könnte. Ich halte das für eine Frage der Zeit. Und die Weitergabe von eBooks als Mittel der Kommunikation, des Teilens von Wissen, Bildung und Lesevergnügen ist ohnehin rechtlich ein Problem. Wenn Sie nicht den Reader zusammen mit den darauf befindlichen eBooks an denjenigen weiterreichen, der sie dann auch lesen kann und möchte. Weiterverkaufen geht schon gar nicht. Und wer von Technik abhängig sein möchte, um Lesen zu können, wird vielleicht noch lernen, irgendwann, wie viel abhängiger er dadurch von anderen wird, wenn diese defekt ist, als von einem aussterbendem Beruf der Buchbinder. Wenn er technisch keinen Ersatz erlangen kann und niemanden, der sie reparieren könnte oder wenn ihm schlicht der Saft dazu fehlt, der Strom wie die kleine oder nicht so kleine Münze.

© Liz Collet

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Dann vielleicht doch lieber ein Buch, das altert, aber be.greif.bar bleibt. Auch wenn es behutsamer Hände bedarf, wie jenes im Bilde, das im Herbst 1884 gedruckt worden ist. Das älteste in meinem Regal vorhandene……und darin zu lesen ist der Blick in eine andere Zeit, des 19. Jahrhunderts und dessen, was man über die Welt wusste und zu wissen glaubte. Das Grosselternpaar, aus dessen Haushalt es mir geschenkt wurde, wurde selbst erst just 30 Jahre nach Veröffentlichung dieses Lexikons geboren. Der Begriff der Sozialpolitik ist darin zu finden, derjenige von Unfall- oder Krankenversicherung noch nicht – die gesetzliche Unfall- und Krankenversicherung durch die Reformen Bismarcks wurden im Jahr 1984 bzw 1983 erst begründet.

Welchen Wert alte Bücher wie diese haben?

Nein, nicht monetär.

Sondern um den Blick zu öffnen, für eine Welt, in der Bücher und Bildung für viele unerschliessbar, unbezahlbar waren? Wo Lesen der alten Druckschriften für viele mangels Schulbildung selbst dann nicht möglich war, wenn sie es in Händen gehalten haben? Wo es für viele keine Frage der Wahl war, was sie lernen konnten und durften? Die in mehr als dieser Hinsicht keine Wahl und keine Rechte zu wählen hatten?

Und wo Bücher unerreichbare Kostbarkeiten waren für diejenigen, welche gern mehr gewusst, gelernt und damit an Freiheiten erworben hätten?

Wenn ich dieses kleine 12 x 8 cm grosse und 6 cm dicke Buch in Händen halte oder im Regal stehen sehe, dessen Druck mit knapp 1 mm Lettergröße so klein ist, dass man schier schon lieber mit einer Lupe darin liest, dann bin ich vor allem auch dankbar. Dankbar für Grosseltern und Eltern, die ungeachtet auch kleinen Einkommens, schlechter Zeiten, schwerer Zeiten immer Wert darauf legten und viel dafür taten, um ihren Kindern Wissen und Bildung zu ermöglichen. Weil sie wussten, dass diese der Schatz sind, aus dem Freiheit und persönliche Freiheiten erwachsen und zu erarbeiten sind. Ich kenne Geschichten der Grosseltern und Urgrosseltern über das, was diese lernen durften oder nicht, oder dass und wer in Familien seinerzeit nur lernen und an Schulen besuchen konnte und eben nicht jedes der Kinder einer Familie jede Schule. Wo es schon genügen musste, die Volksschule besucht zu haben. Weil bei mehreren Kindern nicht für alle Schulgeld und Kosten für Bücher und anderes da war und bei allen Anstrengungen zu ermöglichen war. Und weil gute Noten allein auch nicht immer den Weg öffneten.

Wenn ich das Buch sehe und in den Händen drehe und darin blättere, ist es mehr als nur ein weiter gereichtes Buch. Es ist eine weitergegebene Verantwortung und Verpflichtung, aber vor allem ein Vorrecht, ein Recht, ein Reichtum, Bücher besitzen zu dürfen, die Welten mit Wissen erschliessen, mit jedem Blatt darin. Verglichen mit der Informationsflut scheint das banal, wenn man den Zugang zu unendlichen Weiten der online verfügbaren Informationen gegenüberstellt. Gegenüberzustellen versuchen wollte.

Bis man genauer hinsieht und die Nagelprobe macht, was der Mensch heute noch an Wissen und Information wirklich liest und aufnimmt. Und behält, wieviel von jenen vermeintlich überall und immer und umfassenden und unendlichen Informationen wirklich noch von ihm gelesen, durchdacht, überdacht, hinterfragt, bewertet und in ihrer Validität und Authentizität, Glaubwürdigkeit und Bestandswert erkannt oder eingeschätzt werden können. Mit der Folge, naturgegegeben Folge, dass sein Wissen fragmentarisch ist und bleibt, teils gar fremdbestimmt von undurchschaubaren und nicht gestaltbaren und wählbaren Algorithmen, die ihm bei der Suche nach Antworten und Wissen digitale Vorauswahl , Selektion liefern, letztlich seinen Wissenszugang zensieren. Ohne dass er dies noch in Ausmass und Radius der Zensur ermessen kann.

Denn so weit und so lange weiter online zu suchen und zu recherchieren, um durch jegliche zensierende Algorithmen hindurch zu gelangen, wird selbst für Wissenschaftlicher schon schwierig, die dies im Rahmen forschender Arbeit tun. Noch mehr für Otto Normalverbraucher und wieviel Zeit und Geduld dieser mitbringt, um sich Informationen zu beschaffen und zu lesen, während Cookies, Keywordtargeting, Behavioural Targeting und vielfältige andere durch jede digitale Spur personalisierte Werbung und Anzeigen sein weiteres Suchverhalten mitzulenken begonnen haben.

Mehr noch als die objektive Kapazität der Bewältigung und Sortierung der Flut an Informationen ist seine eigene, die subjektive begrenzt: Überhaupt noch alles das lesen zu wollen, in seiner irrigen, beinahe naiv anmutenden Meinung, bei der Vielfalt der Informationen alles zu erfahren und zu wissen, weil es doch jederzeit online verfügbar ist.

Während facebook – ohne dass er es merkt – sogar die Posts seiner Kontakte filtert……….und mit Werbung und anderen Meldungen infiltriert.Und das nur eines der Beispiele ist, bei denen er nicht einmal mehr merkt, wie seine vermeintlich unendliche Informationsfreiheit in der Ausübung steuerbar ist. Und gesteuert wird.

Wie hingegen würde Otto Normalbürger reagieren, risse man ihm eines von mehreren Büchern aus der Hand, die er aus dem Regal zu nehmen im Begriff ist? Oder würde man Seiten schwärzen oder herausreissen aus Zeitungen und Büchern, die er kauft oder leiht und aus dem Regal holt?

Bücher, real greifbare Bücher haben einen Mehr.Wert. Mehr Wert als eBooks und digitale Informationen allein. Spätestens dann merkt das auch der letzte Verfechter der eBooks und des Internets, wenn einer ihm den Stecker aus der Steckdose zieht.

© Liz Collet

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Und kein Buch mehr in seinem Regal, keines mehr greifbar in einer Bibliothek oder Laden stünde. Dann, dann erst vielleicht würde der Wert gedruckter und gebundener Bücher wieder spürbar, als Teil der Freiheiten, um die und deren Erhalt es sich zu streiten und zu kämpfen lohnt. Wie vor mehr als hundert Jahren.

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