John Berger, Auf dem Weg zur Hochzeit, Hanser Verlag, 1996

John Berger, Auf dem Weg zur Hochzeit, gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, Hanser Verlag,1996,

John Berger, Auf dem Weg zur Hochzeit, gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, Hanser Verlag,1996,

Der 1926 geborene John Berger ist ein britischer Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker und – für seinen ersten Roman 1972 – ausgezeichneter Booker Prize-Träger, der danach mit weiteren Awards ausgezeichnet wurde:

2009 Golden Pen Award
2002 Lannan Lifetime Achievement Award
1991 Petrarca-Preis
1990 Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik
1972 The Booker Prize

Er lebt heute in einem Bergdorf in der Haute Savoie. Neben der Trilogie Von ihrer Hände Arbeit (1982-1991) erschienen bei Hanser Essaybände, Gedichte und zuletzt Gegen die Abwertung der Welt (Essays, 2003), Hier, wo wir uns begegnen (2006) und A und X. Eine Liebesgeschichte in Briefen (2010).

Aus dem Hanser Verlag stammt auch das Buch Auf dem Weg zur Hochzeit.

Der Roman handelt von einer Hochzeit im italienischen Küstenort Gorino. Ninon, die HIV-positive Braut, weiß, daß sie nicht mehr lange zu leben hat. Heiraten, wenn man den Tod vor Augen hat? Sie und Gino wollen das. Zur Hochzeit reist der Vater der Braut mit dem Motorrad aus Frankreich an, die Mutter kommt aus Bratislava. Mit diesen Reisen verbinden sich Erinnerungen, Gegenwart und die nahende tragische Zukunft bei John Berger  zu einem einfühlsamen poetischen Roman, der sich vor allem an ruhigen Wintertagen gut lesen lässt, die Muße und mehr Zeit für Stunden zuhause lassen. Das Buch ist – auch in Zeiten, in denen bei Diskussionen um Sterbehilfe, vorgeburtliche Selektion, Utilitarisierung des Lebens und Körpers sterbender Menschen für fremdnützige Ansprüche der Transplantationsmedizin und Gewebeforschung und -Kommerzialisierung wie selbstverständlich Hand an die verfassungsgrundsätzliche Unantastbarkeit des menschlichen Lebens und seiner Würde legen – auch ein lesenswertes Buch über Wert und Wertigkeiten des Lebens bei und trotz Krankheit und das Auskosten und Wertschätzen des Lebens bis zum Tod.

Zum Thema „Woraus der Mensch Hoffnung schöpft“ hat der Tagesspiegel im Herbst HIER einen lesenswerten Bietrag zur Begegnung mit dem Schriftsteller John Berger vor seinem 88. Geburtstag veröffentlicht.

Nachspürbar ist – per me – sein Blick und seine Wahrnehmung der Möglichkeiten der Fotografie einer Kamera, um sie zu nutzen, aber auch, dass sie ihn (wie sicher viele andere auch) hindert, das, was sie ins Auge, pardon: in die Linse fasst, eigentlich wirklich, länger, genauer zu betrachten. Beides ist wahr:

Mit einer Kamera lassen sich viele Dinge entdecken, die man ohne sie, vor dem Blick durch diese hindurch nicht wahrgenommen hätte und es lässt sich anderes damit für andere auch besser darstellen. Die Form, die unfassbar einzigartige Form eines winzigen Sandkorns, das im Licht und durch die Kamera betrachtet wahrnehmbar wird, sonst nicht gesehen worden wäre, ist nur eines der Beispiele dafür. Winzige Details, zauberhafte winzige Launen der Natur, die selbst bei einem Granatapfel ins Auge fallen (IHNEN auch?), wenn man genauer hinblickt – allein dafür würde ich keine Kamera vermissen wollen.

So wie John Berger es tat, um fotografische Entsprechungen für seine Texte in Landschaftsbildern zu suchen und finden.

Ebenso wahr ist, dass die Kamera den Blick verengen kann – zeitlich, inhaltlich beim Motiv.

Aber auch bei der eigenen Wahrnehmung des eigentlichen Lebens und der Dinge wie Menschen um sich herum.

Einer der Gründe, warum ich persönlich mich dem Hype von jeher entziehe, ungezählte und täglich bei vielen gar mehrfachen neuen Selfies zu fertigen oder zu posten oder von allem und jedem und jedem Menschen, mit dem ich privat und beruflich zusammentreffe und was mit diesem an Essen oder Termin oder Vergnügen geteilt wird, teilen – posten – zu müssen.

Als gälte nur noch „ich poste, also bin ich“. Und ausserhalb solcher gepixelten Lebenszeichen existierte der Mensch nicht, kein Sein und kein Dasein. Wo aus solchem Schein soviel Sein zu sein zu ziehen und zu sein versucht wird, dass keine Zeit und kein Raum für wirkliches Sein mehr bleibt. Nicht nur kein Privatsein, kein für sich und für sich allein sein mehr. À deux oder tout seule oder entre nous und entre famille et amis. Ich reagiere allergisch auf Veranstaltungen, bei denen jeder und alles in Fotos und Videos festgehalten und gepostet wird – und verspüre keine Lust, sondern Abneigung solche zu besuchen. Ich will geniessen, nicht „unfreiwillig modeln oder werben“ für Veranstalter und ihr Business oder Geschäft oder Café oder Buchhandlung (ja, auch für diese nicht) oder andere „Events“. Und noch weniger für Lifestyle und Hipness oder In-Sein, Aktiv-Sein und Schein-Leben anderer.

Seltener wurden Foodbilder – nicht, weil es sie nicht gäbe, sie gehören ja zu meiner Arbeit. Aber weil ich den Exhibitionismus der bis zur Dekadenz reichenden Foodblogging-Scene inzwischen mit Widerstreben empfinde. Der sich in foodethischen Diskussionen der eigenen kulinarisch-elitären Ignoranz beizeiten nicht einmal mehr im Ansatz gewahr ist, wenn er Strom für Pulled Pork vom handtotgestreichelten bis zuletzt glücklichem Schweindl vom Biohof neun Stunden lang verbrutzelt, wo andere Menschen ausserstande sind, ihre Stromrechnung zu begleichen oder ihr Essen von der Tafel oder aus dem Müll holen, um etwas tischen und tafeln zu können.

Weil vor lauter Feinfutterbildern die Darstellung vor anderen und für andere für meine Wahrnehmung zum konkurrierenden Wettbewerb des Seins und Daseins und Gut- , nein. BESSERESSER-Menschseins gerät. Vorgeblich und vermeintlich Genuss vermittelnd, bei manchen zweifellos auch real. Aber ………… mehr und mehr in den Hintergrund tretend, dass weniger nach aussen, weniger nach aussen mit jedem Klick getragen, manchmal und eigentlich mehr wäre. Und sein sollte.

Dass dies nicht nur mir so geht, wurde mir auch an einer Mail eines meiner Kontakte bei Facebook bewusst, die sich vor einigen Monaten wunderte, dass ich „nur“ noch in Worten zu meinem täglichen Essen dort plauderte, ohne ein Bild hinzuzufügen. Und gleichzeitig (und zu ihrem eigenen Erstaunen, wie sie schilderte) schrieb, dass sie durch diese mehr Lust, richtig Appetit auf das bekäme, was ich in oft nur wenigen Worten als die gerade zubereitete Mahlzeit postete, während sie der Fotos vieler anderer in der Timeline nicht mehr halb so viel Aufmerksamkeit schenke – zu viele, zu viel hype, zu viele Bilder, zu sehr Hype um das „goldene Kalb“, fleischliches wie fleischloses, als müsste jeder jeden Tag das Nonplusultra kochen, backen und auftischen. Zu ihrer eigenen Überraschung machten ihr die einfachsten Speisen und mit wenigsten Zutaten nach meinen bildfreien „Rezepten“  so sehr Lust, dass sie deren Aromen, Geschmack beim Lesen sehen, riechen und gar zu schmecken glaube und oft nicht widerstehe, sie dann auch mal wieder zuzubereiten.

Ich musste schmunzeln, als ich die Mail las. Weil – obgleich ich das nicht beabsichtigt hatte – bei anderen offenbar das geschah, was ich selbst schlicht lebe: Les petits plaisirs – und diese zu geniessen. Den Genuss und Geschmack eines guten Brotes, etwas Butter, knackig frische Radieschen und ihre feine Schärfe und vielleicht noch die Würzigkeit von einigen Blättchen Brunnenkresse oder Portulaks oder wilder Kräuter haben für mich mehr sinnliche Aromen, als manche mit noch so viel Aufwand an einen kolossalen Braten zu bringen verstehen.

Dabei meine ich nicht wirklich gute Köche und Foodblogger, die mit Herzblut und Kompetenz viele verlockende und gute Speisen und Gerichte zaubern. Das hat sein Gutes und manche Berechtigung. Was mich stört, ist die Fokussierung des Lebens nur noch durch die Linse von manchen für sich selbst und vor anderen und für diese. Anstelle der weit wichtigeren, weil eigentlich entscheidenden Fokussierung – auf das eigene Leben, Erleben, Geniessen, ohne dass jemand zusieht. Nicht nur: egal ob jemand den Post liest. Sondern OHNE dass alles und jedes gepostet und geshootet sein muss. Ohne Claqueure. Ohne, dass andere es sehen müssen.

Anders als John Berger aber lege ich die Kamera deswegen nicht endgültig weg. Das muss ich auch nicht. Denn sie hindert mich an eben diesem Teil nicht: Sie nicht immer in der Hand, nicht immer durch sie hindurch sehen zu müssen. Für mich ist gut lebbar: Eins tun, anderes nicht lassen, alles zu seiner Zeit, alles mit der dafür eigenen Zeit, nach innerem Bedürfnis, innerem Lot.

Nicht alles und jeden zu fotografieren, leben und erspüren und erleben mit eigenen Sinnen. Nicht nur, nicht immer nur auf das (zusätzliche) Auge und seinen Sinn fokussiert. Nicht alles muss dokumentiert, belegbar, beweisbar fokussiert und fixiert sein, um Existenz zu beweisen, erinnerbar und damit real. Weder für eine §§-Zwirblerin, noch eine Fotografin.

Leben………..kostet man in Wahrheit, in Wirklichkeit „nachhaltiger“, anhaltender, intensiver da aus, wo unbeobachtet vieles mehr Freiheit Raum und Zeit hat. Jedenfalls dann und diejenigen, die nicht das Auge und die Bildung von Meinung anderer zum eigenen Maßstab und Existenzwert machen, sondern ihre eigene Sichtweise.

Dafür hie und da die Kamera sowenig wie Smartphone & Co wie an die Hand gewachsen zu halten und nutzen, sondern zurückzulassen und nicht nur beiseite zu legen, ist lehrreich  – vor allem für diejenigen, die dann schon nach wenigen Minuten Unruhe befällt und „Entzugssymptome“.

Ganz darauf zu verzichten wie John Berger?  No need. Solange man den Blick nicht verliert für die feine Grenze zwischen dem Blick für das Wesentliche und die eigentlich existenziellen Dinge. Im Leben. Das Leben. Und das ………..in jeder und bis zu letzten Minute, auch mit und durch Krankheit und bis zum Ende.

Ein Buch, das zu manchem Nachdenken verführt:

John Berger, Auf dem Weg zur Hochzeit, gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, Hanser Verlag,1996,

Wenn Sie das Buch gern kaufen möchten, können Sie es hier bestellen, ich verkaufe es aus Platzgründen aus meinem Privathaushalt (Nichtraucher, keine Haustiere); es hat meinen Namenseintrag auf dem Innenblatt der Ausgabe, sonst keinerlei Gebrauchsspuren, Abholung nach Terminvereinbarung sehr gern möglich

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