Wo man die Last von Büchern los wird…….?

Lotsen © Liz Collet

Lotsen © Liz Collet

Wo man Bücher los wird……….

Allein die Formulierung suggeriert und assoziiert Bücher als etwas, das man loswerden müsse, nicht nur wolle. Eine Last. Ballast. Den es abzuwerfen gelte, der abzuwerfen vorteilhaft, erstrebenswert sei.

Und darum geht es dann in der Tat auch in dem Beitrag des Handelsblattes, bei dem man trefflich überlegen kann, ob hier die Auffassung des Autors, sein Empfinden die Feder projizierend führt.

Denn allein ein Beitrag über Tipps für Buchbesitzer, die sich von Büchern (aus welchen Gründen auch immer) trennen wollen, bedürfte nicht der (Dis-)Qualifikation von Büchern als Last und Ballast. Bücher, gedruckte Bücher als nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber einer digitalen Welt, als minderwertig, als Ballast, als Last, als nicht mehr vergleichbar händelbar und auch handelbar zu werten und abzuwerten, diese Arbeit und Anstrengung unternehmen schon diejenigen, die in Herstellung und Vermarktung digitaler Bücher und Autoren und der damit notwendigen Technik, Hard- wie Software und Handelsforen für solche ihren Umsatz und Gewinn suchen und an Urhebern und Käufern solcher Werke verdienen wollen.

Wer also nur Informationen für diejenigen liefern möchte, die gedruckte Bücher verkaufen oder sonst abgeben wollen, bedürfte der Abwertung als Ballast und Last nicht. Dennoch wird der Artikel so eingeleitet:

„Die Bibliothek als Ausweis der Bildung – das war einmal. Viele empfinden die sich in der Wohnung stapelnden Bücher mittlerweile als Last. Doch wohin mit ihnen? Das Internet bietet einige Möglichkeiten, die über Ebay, Amazon und Co. hinausgehen.

Einst war sie der Schmuck des Hauses oder der Wohnung, der materialisierte Ausweis von Bildung und Geschmack, das Zentrum bürgerlichen Lebenswandels und ein Schatz, den es zu ererben, zu vererben und zu mehren galt. Heute ist die Bibliothek eher zur Last geworden. Die Bücher nehmen überhand, erobern alle Wände, manchmal auch den Fußboden. Alles um uns herum wird kleiner, unsichtbarer, dabei leistungsfähiger – Bücher aber (und natürlich Autos) stehen immer massiver und unübersehbarer überall herum.“

Nicht nur decouvrierend, wie der Autor hier Behauptungen aufstellt, wie der Mensch Bücher angeblich empfinde, so generell. Obgleich durch nichts und nicht einmal durch nichtrepräsentative Daten, geschweige denn solche belegt oder belegbar, die es rechtfertigen könnten, für mehr und andere, als nur für sich selbst zu sprechen.

Nein, wer diese Zeilen genauer liest, erkennt noch etwas anderes an Negativurteil darin:

Eine eigene Bibliothek scheint in den Augen des Autors nichts anderes und nie mehr als eine Imagekampagne der eigenen vier Wände darzustellen, die eine Zeitlang in Mode war und aus der Mode gekommen sei. Das Image der Bildung, eines gebildeten Menschen, Bücher als nach aussen gezeigte oder vorgespiegelte Visitenkarte von Bildung, Interessen, Geschmack.

Und mit der Verknüpfung von Schlagworten bürgerlichen Lebenswandels wird der Wertung zudem noch ein Stempel überkommener, nicht mehr zeitgerechter, zeitgemässer Spiessbürgerlichkeit aufgedrückt.

Den – das kann ein Autor solcher Wertungen nicht nur absehen, sondern zweifellos nur beabsichtigen – der moderne Mensch sich selbst kaum gern aufdrücken liesse. Schwubbs, schon ist er angefixt, der Leser, von den dann folgenden Ideen, diese Spiessbürgerlichkeit, diese Fesseln des materiellen Besitzes und Ballasts abzuwerfen und bei einer der dargestellten Möglichkeiten zum Spott- wie oft genug auch Schrottpreisen, die weniger als der Papierwert eben dieser Bücher wert sind – anzubieten oder zu verkaufen.

Der Passus enthält nur und ausschliesslich Negativbewertung für den Wert von Büchern, die Verlagen und Autoren (und Lesern) noch Papier wert sind: Eine fragwürdige, weil nur dem schönen Schein diendende Bildungsfassade in Bücherregalgestalt eigener heimischer Bibliothek. Und Ballast. Dazwischen und drumherum keine Wertigkeit von Büchern für den Autor zwischen gestern und heute. Beide nur negativ besetzt, wo es um Druckwerke geht, während dem Verfasser des Artikels das Frei-Sein von Büchern im Raum wichtig, die räumliche Existenz von Büchern schier ein Dorn im Auge scheint. Nur das immer kleiner werdende, das leistungseffizientere (offenbar in seinen Augen das Digitale diesen Zeitalters?) das einzig Wahre und Wertige zu sein scheint.

Kein Wert, nur Negatives hingegen bei Büchern, die Zeit und Raum einnehmen?

Man kann nicht nur, man muss die Frage stellen: Ist das der Wert, den Bücher in den Augen des Autors haben, die mit Mehrwert und mehr Wert an Kosten hergestellt wurden und die mehr Wert an Bildung haben und verdienen, verdienen sollten? Ganz besonders in einer Zeit und einem Land, das mehr Bildung braucht? Das als Bildungs- und Wissenschaftsstandort eine seiner Stärken auch als Wirtschaftsstandort hat und sucht und zu verstärken sucht? Und suchen muss?

Wer Bücherbesitzern Bücher als Ballast medial zu verkaufen sucht und den Verkauf von Büchern auf eine Art und bei Verkaufsportalen oder Ankäufern zu Preisen andient, bei denen der Wert und die Bücher schier verheizt werden, schreibt keinen nur neutralen Informationsartikel, sondern Büchern auch ihren eigentlichen Wert ab und einen nur noch von angemessener Achtung freien Wert zu.

Nun könnte man einwenden: Zu Dumpingpreisen würden aber doch eben viel mehr Bücher und damit für selbst kleinste Budgets erreichbar. Dient das nicht der Bildung und ihrer Förderung?
Nun – wäre das der Zweck und das Ziel, erscheint es nicht sehr logisch, dass just der Besitz von Büchern doch eingangs und für den Beitrag als Ballast, als Last bezeichnet werden. So dass die Frage konsequent folgt: Wenn das so ist, warum sollten sich dann noch Käufer mit gedruckten Büchern als neuem Ballast, wenn auch dann zu Ramsch- und Verramschpreisen befassen, sich solche kaufen wollen? Warum sollten sie dann dort kaufen, was als spiessbürgerlicher Besitz und als überkommener Markt und häusliche PR der Bildungsnähe gebrandmarkt moderne Menschen kaum locken könnte? Die zwar nicht bildungsfern sein sollen und wollen, aber ihre Bildung doch nicht mehr aus einem gedruckten Buch und einem gar im eigenen Regal beziehen wollen? Als sei es ein Makel, Bildung zu haben, Bildung durch Bücher, Bücher zu haben, zu besitzen. Sich mit Büchern wohl zu fühlen, in denen man blättern und die man nicht nur downloaden kann.

Nein, wer das Verramschen von gedruckten Werken für erstrebenswerte Alternative zum Besitz von Büchern als erstrebenswert beschreibt, tut Büchern, Autoren und einer Steigerung der Qualität des Buchmarktes und der Bücher keinen Gefallen, die derselbe Autor bemängelt, wenn er schreibt:

„Vor allem sorgt eine dramatische Überproduktion im zweitgrößten Buchmarkt der Welt für unlesbare, schlecht lektorierte, nachlässig produzierte und nicht zuletzt überflüssige Bücher. Wer will die Ergüsse von Politikern und Sternchen morgen noch lesen? Außerdem müssen wir vieles nicht mehr dauerhaft materiell besitzen. Das Buch ist ein Lebensabschnittsbegleiter geworden wie andere(s) auch. Nur: Wohin mit ihm, wenn es ans Scheiden geht?“

Denn gerade im digitalen Buchmarkt führt die Möglichkeit der „für jeden möglichen Veröffentlichung seines eigenen Buches“ dazu, dass Lektoratsleistung an Bedeutung verliert. Wenn nicht „Zusatzoptionen“ der entsprechenden Verlage für Selfpublisher hinzugekauft werden. Wieviele Autoren das nutzen, ist eine Frage des Budgets – rechnen Sie sich selbst aus, wieviele es daher prozentual sein werden.

Wer kritisiert, dass „Ergüsse von Politikern und Sternchen morgen“ nicht mehr als lesenswert zu sehen seien, sollte die Konsequenz wagen, dann auch zu sagen: Kauft das doch gar nicht erst! Anstatt solche morgen uninteressante Bücher als „heute lesenswert“ vorausgesetzt anzusehen und für diese, die printed einen dann doch unverhältnismässig hohen, weil auf Dauer und Beistzdauer wenig lohnenswerten Kaufpreis haben, wenig ökonomisch sinnvoll morgen eben zu verramschen?
Was allenfalls zu einer Verlagerung à la longue in Form digitaler Bücher das Wort redet, aber nicht die Flut solcher schon anderntags und nach einmaliger Lektüre (wenn schon nicht VOR ihrer Lektüre und Kauf) überflüssiger Buchveröffentlichungen eindämmt. Noch weniger einer wünschenswerten Qualitätsfilterung zuführt. Sondern die Überschwemmung damit sogar noch fördert. Digitale Schwemme. Zu allenfalls marginalem Preisabschlag gegenüber gedruckten Büchern. Und dennoch mit Folgen für Einnahmemöglichkeiten für lesenswertere Bücher und Autoren und deren Verlage, egal ob diese digital oder printed veröffentlichen.

Aber……..warum darüber einen Gedanken verschwenden bei Wirkung solcher Abwertungen von Büchern und vorhandenen gedruckten Büchern? Wenn sich doch nach Beiträgen von „gestern“ immerhin „morgen“ schon ein neuer Artikel darüber schreiben liesse, dass und wie Onlineriesen den Autoren und Verlagen und über die Monopolisierung der Vertragsmacht und damit Verhandlungsmacht das Wasser abgräbt. Das Quelle für Bücher, Bildung, Autoren und Leser sei.

Wie heisst es so schön: „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern.“

Nun, so relativ dieser Satz in Zeiten geworden zu sein scheint, in denen bekanntlich alles bleibt, was je im Net landete.
Für Zeitungen mag es noch immer gleichwohl eine gewisse Wahrheit besitzen, erst recht, wenn sich bei manchen Onlinemedien der Wind der Meinungsbildung der Leser, der sozialen Medien dreht, mit manchen shitstorms.

Umso mehr sollte man werten und wertschätzen können, dass und wie lange Bücher, gerade auch gedruckte Bücher nicht altern und ihre Zeit und blosse Moden und Meinungen Geltung hatten. Und haben. Haben können. Und sollten.

Wie oft werden, wieviele Artikel werden heute noch mehr als mit einem „Like“, nämlich auch mit der Lektüre eines ganzen Artikels zu einem Thema der eigenen Aufmerksamkeit gewürdigt? Wie oft werden kaum die ersten Zeilen, wenn überhaupt mehr bloss überflogen? Man kann es ahnen, wenn man Kommentare zu solchen und in Diskussionen zu solchen in scoial media verfolgt. Die Aufmerksamkeitsspanne mancher Eintagsfliegen ist höher, höher als die von nur noch 140 Zeichen, die vielen Meldungen an Aufmerksamkeit, Geduld wert sind, während sie 24/7 online und doch nicht wirklich bei der Sache bei vielen Informationen sind.

Bei Büchern, bei gedruckten Texten und Werken sieht das etwas anders aus. Jedenfalls dann, wenn man sich ihnen exclusiv widmet, Zeit wie Aufmerksamkeit.
Was es für den Verstand bedeutet, die Leistungsfähigkeit und Effizienz der Aufnahme, Verarbeitung und den Bestand von Wissen und Informationen, macht einen Unterschied, ob man digital blättert und surft oder mit dem Blatt und den Seiten in der Hand offline beschäftigt ist.

Bücher lassen sich nicht einfach mit einem Delete wegclicken.

Und für wen kann, sollte es wünschenswert sein, dass sie das wären?

Oder nur noch lesbar, erreichbar, zugänglich, wenn Strom und Technik dafür vorhanden und updated nötig ist, zunehmend wird?

Cui bono?

Kann damit wirklich an Wert von Wissen, Wissensbildung, Wertschätzung von Bildung und Bestand von Werten konkurrieren, was mit einem Delete löschbar ist, mit einem Click auszusortieren?

Und noch ein anderer Gedanke – en passant :

Es gab Zeiten, in denen Wissen, Informationen für Freiheiten, Demokratie und gegen Unfreiheiten und Diktaturen, Unrechtssysteme geflüstert, mündlich, gedruckt, geschmuggelt weitergegeben wurden und werden mussten. Mit hohem Risiko. Mit oft genug fatalen und lebensgefährlichen Konsequenzen. Aber immerhin weitergegeben werden konnten. Von Hand zu Hand und nicht nur von Mund zu Mund. An nicht wenigen Orten der Welt ist das noch immer nicht anders.

Wenn aber alles nur noch digital vorhanden und weiterzugeben wäre, dies aber nicht ohne Zugriff auf Technik, mehr noch: nicht ohne Zugriff auch von Dritten auf solche,………….? Denken Sie es zu Ende…….oder wenigstens: Einfach mal einige Gedanken weiter.

Bücher………. sind mehr wert, als sie als Ballast zu qualifizieren. Und als Ramsch zu entsorgen. Auch wenn manchen dafür inzwischen vielleicht die Fantasie und das Gespür fehlen.

Ni X für U ngut.

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