Wie ist es mit Ihnen – können Sie es noch lesen?

Nein, es muss nicht sein, dass altdeutsche Schreibschriften heute noch in Schulen gelehrt und gelernt werden.

Aber dass sie verloren gehen, ihre Fähigkeit, sie zu lesen (wenigstens), das bräuchte es nicht. Ist nicht auch das Teil einer Kultur und Kulturgut? Ganz davon zu schweigen, dass und was an Fähigkeit zur Forschung damit verloren ginge, wenn es dem Leser nicht nur unmöglich würde, alte Briefe und Dokumente der Grosseltern und Urgrosseltern noch lesen zu können. Sondern auch – ja, bei aller Digitalisierung von Büchern und Literatur – eben auch verloren ginge, historische Dokumente noch lesen und erforschen zu können. Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland – das beinhaltet nicht nur den Blick in künftige Publikationen, sondern auch den in jene der Vergangenheit. Und diese noch selbst lesen zu können, nicht nur in gedruckte „Übersetzung“ des Schriftbildes transportierte Lesbarkeit, selbst wenn es diese gibt und geben mag.

Authentizität von Dokumenten bedeutet auch, diese selbst und nicht nur „übertragene“, schrift-lich in modernes gedrucktes Schrift-Bild übertragene Inhalte lesen zu vermögen. Ein Vermögen per se. Wer das Vermögen einer Schriftlektüre oder Schriftübung als Last betrachtet, nicht als Verlust begreift nur einen Teil des Vermögens, das Kultur und Forschung und Wissenschaft beinhaltet.

Und so nimmt es kaum Wunder, dass es gar Länder gibt, die nicht einmal mehr dem Erlernen einer Schreibschrift Wert beimessen, weil (angeblich) ohnehin der Tastatur und damit allenfalls noch Druckbuchstaben, aber keiner Schreibschrift mehr die Zukunft gehöre.

Die ignorieren, dass und wie sehr das Schreiben mit der Hand mehr  als ein sentimental gepflegtes, nur noch nostalgisches Relikt für Exoten oder Liebhaber gar noch mit Tinte und Füllfederhalter verfasster Texte sei. Die Hirnforschung weiss, dass mit der Hand anstelle mit der Tastatur zu schreiben, mehr Hirnregionen und -funktionen aktiviert und Notiertes weniger leicht wieder vergessen lässt. Die Muße, das Tempo des Schreibens mit der Hand mag mehr Konzentration erfordern, fokussiert aber auch das Denken und zudem die kreative Schöpfung von Ideen und Gedanken und damit das Lernen. Mitnichten nur bei Kindern, wie man nicht zuletzt auch bei der Alters- und Demenzforschung, aus den Bereichen der Rehabilitation nach Unfällen oder Schlaganfällen weiss.

Von der Kreativität, die im Tun mit allem einhergeht, was mit Händen geschaffen und geschafft wird, Feinmotorik und Fertigkeiten auch für künstlerische Arbeiten wie handwerkliche gleichermassen, ja selbst chirurgische angeht, gar nicht zu reden. Schreiben und Handschriftenübungen sind ein Teil der reichen Fertigkeiten und Fähigkeiten, die uns unsere Hände bieten, die in eben diesen nicht verkümmern und verarmen sollten.

Als lägen in unseren Händen und dem, was sie seit den ersten Höhlenmalereien und -zeichen und -schriften verfeinert haben, nur Vergangenheit, keine Zukunft. Sie weiter zu verfeinern, anstatt sie aufzugeben.

Traurig genug.

Nein, nicht weil es Graphologen Tränen in die Augen ob ihrer Zukunftsaussichten treiben könnte, die – ebenso wie Psychologen – ihr Fach und seine Bedeutung schwinden sehen müssten, was aus Handschriften vermeintlich oder in gewissem Umfang tatsächlich aus solchen an Beweis- und Persönlichkeitswerten zu lesen sei.

Lassen wir meinetwegen auch ausser Betracht, wie gesundheitsförderlich die Erhöhung der Pulsfrequenz und des Herzschlages ist, die mit einem Brief im Postkasten einhergeht, bei dem schon die Handschrift eines Leiblingsmenschen oder sonst nettem Absender aus Regentagen Sonnentage macht und Freude ins Herz kitzelt.

Aber wenn Handschrift so sehr an Bedeutung verlöre, dass sie bestenfalls noch in Druckbuchstaben kursiert, wenn sie nicht einmal mehr als Schreibschrift dokumententaugliche Unterschriftenqualität bieten kann in ihrer Unverwechselbarkeit, auch gegen Fälschungen, wenn nur noch uniforme Druckschrift und gedruckte Schrift das Maß der modernen Zeit sein soll, dann ginge mehr verloren, als durch die Ersparnis der kleinen Mühe gewonnen werden könnte, noch eine Schreibschrift erlernen zu wollen.

Was Generationen nicht unerlernbar überforderte. Und Stöpsel in  Schulbänken nicht überfordern würde, wenn sie noch gefordert würden, mehr motorische und feinmotorische Fähigkeiten zu lernen, zu beweisen und zu praktizieren, als das Tippen auf Tasten oder screens.

Aber was will man erwarten, wenn selbige heute zwar wissen, wie man mit den Fingern tippend Beschwerden über angeblich von der Schule zu vermittelndes Allgemein- und Alltagswissen im Internetgezwitscher absetzt, aber es für zu arges Neuland ansehen, im selben Internet mal zu lesen (und dort macht Druckschrift das eigentlich leicht), was es über Steuern, Miete oder Versicherungen für das Leben beim Flüggewerden zu wissen und lernen wäre. Und die nicht mal mehr soviel Eigenständigkeit und Grips beweisen und auf die banalste der Ideen kommen, dass man nur den Mund aufmachen und seine eigenen Eltern fragen müsste. Die sich um solche Dinge nicht nur kümmern und damit auskennen, seit sie selbst erwachsen sind und Kinder in die Welt gesetzt haben, denen sie das besser beibringen könnten, als Schule, Verbraucherberatungsstellen, Versicherungsvertreter und andere Dritte.

Wer Kinder nicht mehr fordert, fördert sie auch nicht. Wer den Stift nicht mehr zum Leisten einer eigenen Unterschrift in Handschrift führen kann und dies nicht mehr lernen will oder damit bereits überfordert ist, wird mit den Inhalten zu lesender und zu unterzeichnender Dokumente über Miete, Versicherungen und Steuern hinaus noch grössere Hürden und Probleme  haben. Das Pampern der kleinen Pupser in der Grundschule gegen die Herausforderung einer eigenen, persönlichen,  auch Indidvidualität jeden Menschen prägenden und sich mit dem Heranwachsen entfaltenden Handschrift wird diese Probleme nicht lösen.

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