Theodor Lessing: Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs und andere Gerichtsreportagen

Theodor Lessing, Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs und andere Gerichtsreportagen

Theodor Lessing, Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs und andere Gerichtsreportagen © Liz Collet

Manche kennen die Melodie und den Text des Liedes „Warte, warte noch ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu Dir …“ .

Mir war es unbekannt, bis ein Freund und Neurologe, mit dem zusammen ich hin und wieder unter anderem im Wattenmeer zum Segeln war, es 1999 bei eben einer dieser Gelegenheiten und als wir mit dem Schiff im Wattenmeer trocken gefallen waren und uns an Bord die Zeit in netter Runde beim Abendessen und mit heissem, starkem friesischem Tee vertrieben, einmal mit diebischem Vergnügen und verschmitzt die markanten Stellen des Liedes besonders intonierend es zum Besten gab.

Bevor Sie nun fragen: Nein, das hat mich nicht beunruhigt, auch fürderhin mit ihm und ein oder zwei anderen Herren gemeinsam zu segeln. Ich habe bekanntlich selbst einen intensiv ausgeprägten schwarzen Humor.

Einige Zeit später fiel mir dann jenes im Bild zu sehende Buch zu dem Serienmörder aus Hannover in die Hände, der zwischen 1918 und 1924 mindestens 24 Jungen und junge Männer auf bestialische Weise beim Liebesakt getötet und danach zerstückelt hat.

Der homosexuelle Polizeispitzel Haarmann hatte seine Opfer meist am Hauptbahnhof kennen gelernt und sie mit nach Hause genommen, wo er sie durch einen Biss in den Hals tötete. Ob er das Fleisch seiner Opfer tatsächlich verkauft hat, wurde nie bewiesen. Auszuschliessen ist es nicht, denn Haarmann hatte mit Wurst und Konserven gehandelt.

Der Prozess gegen ihn im Dezember 1924 erregte auch international Aufmerksamkeit.  Der Psychiater Ernst Schultze hatte ihn in Göttingen sechs Wochen lang untersucht und ihn schließlich für voll schuldfähig gehalten.

Verfilmt wurde diese Befragung in dem Film „Der Totmacher“, den der deutsche  Regisseur  Romuald Karmakar 1995 für das Kino produzierte. Das bemerkenswerte einem Kammerspiel gleichende Film fokussiert sich auf die Befragung des Serienmörders Fritz Haarmann durch den Psychiater Ernst Schultze 1924 . Während dieser Befragung spricht Haarmann über seine Motive und seine Methoden, wobei die Dialoge  den Verhörprotokollen der Vernehmung entnommen waren. Die Gespräche werden von einem Stenografen protokolliert. In der letzten Szene wurde Haarmann bereits für schuldig befunden und zum Tode verurteilt  und erhält bei einem letzten Zusammentreffen mit Schultze vor der Hinrichtung von diesem eine Zigarre. In dieser letzten Szene entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein etwas freieres Gespräch, in dem Haarmann von seinem Verhältnis zum Tod erzählt. Götz George hat in diesem Film die Rolle Haarmanns übernommen und ein sensationelles und beeindruckendes Bild Haarmanns vermittelt, bei dem man sich wünschte, ihn mit einer solchen Präsenz auch einmal auf der Bühne von Kammerspielen zu erleben.

Karmakar erhielt 1996 den Deutschen Filmpreis als Bester Regisseur und das Filmband in Gold als Bester Film. Hauptdarsteller Götz George wurde als Bester Darsteller ausgezeichnet. Zuvor war der Film bereits 1995 bei den Filmfestspielen von Venedig als bester Film nominiert und  Götz George  dort  als Bester Schauspieler mit der Coppa Volpi ausgezeichnet worden.

Auf welch fragwürdige Weise dem inhaftierten Verdächtigen im realen Verfahren 1924 ein Geständnis abgepresst worden war, wurde bereits beim damaligen Prozess bekannt:  Er war in seiner Einzelzelle mit Leichenteilen seiner Opfer konfrontiert worden. Dabei hingen in allen vier Ecken Totenschädel, die eigens beleuchtet wurden, um dem Mörder Angst einzujagen.

Die Anklage gegen Haarmann umfasste 27 Taten, für 24 Morde wurde er schuldig befunden. Am 15. April 1925 starb er  unter dem Fallbeil.

Man präparierte danach seinen ganzen Kopf aufgrund der wissenschaftlich falschen Annahme, es seien daraus Schlüsse auf den Charakter zu ziehen. Man wollte mit dem Kopf des Mörders belegen, dass man Verbrecher an der Physiognomie, zumindest aber an Besonderheiten im Gehirn erkennt.  Deshalb legte man den Kopf Haarmanns, nachdem er am 15. April 1925 mit dem Fallbeil vom Körper getrennt worden war, in Formalin ein und übergab ihn dann an die Göttinger Rechtsmedizin. Bilder davon sehen Sie in dieser Fotoserie. Später wurden vom Gehirn mehrere Querschnitte genommen und präpariert.  Mediziner zogen  aus den angefertigten Hirnschnitten Rückschlüsse auf eine durchlittene Hirnhautentzündung.  Vier dieser Schnitte sind damals zur Untersuchung an das Max-Planck-Institut München gesandt worden, wo sie später verschollen sind.

Dass eine Universitätsmedizin Leichenteile oder missgebildete Embryonen präparieren lässt, ist üblich und viele Medizinische Hochschulen verfügen über solche Sammlungen. Die Rechtsmedizin zeigt Studenten Präparate von Schussverletzungen, außergewöhnlichen Wunden oder als Nachweis spezieller Todesarten.

In Göttingen lagerte der präparierte Kopf über Jahrzehnte in der Rechtsmedizin, zuletzt im Institut am Windausweg, wo es Anfang der 60er Jahre noch einmal neu präpariert wurde und letztmals öffentlich zu sehen war.

Interessant daran ist an den Bildern der darauf zu sehende posthume Bartwuchs des bei seiner Hinrichtung glatt rasierten Haarmann. Damals schoss Tageblatt-Fotograf Fritz Paul die einzigen Fotos. Nur noch Medizinstudenten und kleinen Gruppen wurde das Präparat einige Jahre gezeigt. Die letzten Leiter der Rechtsmedizin, die Professoren Steffen Saternus und Michael Klintschar, weigerten sich aus ethischen Gründen, Haarmanns Kopf zu zeigen.

Ehe das Gebäude der Rechtsmedizin abgerissen wurde, musste die gesamte Sammlung in den Kellern der alten Augenklinik eingelagert werden. Dort verschwand Haarmanns präpariertes  Haupt für Jahre zwischen Dokumentationen von Gewaltverbrechen und 440 Präparaten medizinischer Absonderlichkeiten oder missgebildeter Embryonen in Formalin.

Seither war immer wieder von Göttinger Bürgern gefordert worden, Haarmann die letzte Ruhe zu gönnen. Die Frage war 2003 sogar Thema im Niedersächsischen Landtag gewesen. Auch der Rechtsmediziner Klintschar, heute Chef der Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover, hatte die Forderung auf einer Sonderseite des Göttinger Tageblattes die Forderung erneuert.

Wie nun erst bekannt wurde, ist der Vorstand für Wirtschaftsführung der UMG, Sebastian Freytag, dieser Forderung nachgekommen. Nachdem man im Frühjahr 2014  it der evangelischen Kirche Kontakt aufgenommen hatte (Haarmann war evangelisch), vergeblich nach Angehörigen Haarmanns gesucht worden war und Wissenschaftler auf Anfrage keinen Sinn in der Erforschung des Präparats gesehen hatten, wurde Haarmanns Haupt bereits vor einiger Zeit von der Universitätsmedizin (UMG) still und heimlich eingeäschert und die Urne in einem anonymen Gräberfeld auf dem Junkerberg in Weende  beigesetzt. Dies wurde – Berichten zufolge – nunmehr erst ein Dreivierteljahr nach dieser Entscheidung  auf Anfrage bestätigt.

Still und heimlich ist dabei durchaus ein nicht unzutreffender Begriff, denn obgleich die Universitätsmedizin Göttingen wie alle Universitäten und auch Universitätsklinika seit langem Webpräsenzen für vielerlei Informationen zur Imagepflege und Information über (nach eigenen Ansichten und zur Eigendarstellung) Berichtenswertes nutzen, findet sich über den Umgang mit einem der Präparate zu einem Fall, der Justiz- und Medizingeschichte auch mit diesen Präparaten schrieb, kein Jota der Erwähnung. Mag man (vielleicht oder auch nicht) möglicherweise die Absicht gehabt haben, die Beisetzung ohne Presserummel und unerwünschte Zaungäste vorzunehmen, wäre das zwar ein nicht unberechtigter Gedanke, erklärt aber nicht, dass darüber nicht wenigstens im Nachhinein eine Information auf der Website veröffentlicht wird. Sondern Informationen über den Vorgang erst nach Anfrage des Göttinger Tageblattes überhaupt erteilt wurden.

Dabei hat Haarmann sogar im Hannover-Adventskalender jedes Jahr „Promi-Status“ und fehlt dort nach wie vor nicht, auch 2014, als der Kalender unter anderem Wulff mit ins Bild rückte , ebenso wie 2009 oder hier in 2012.

Falls Sie das oben zu sehende und sehr lesenswerte Buch interessiert, können Sie es gern kaufen.

  • Theodor Lessing, Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs und andere Gerichtsreportagen , dtv , Taschenbuch , 2. Auflage 1996

Auf dem ersten Innenblatt der Ausgabe ist ein handschriftlicher Namenseintrag und Geschenkvermerk, sonst keine Gebrauchsspuren; der Verkauf erfolgt wie stets aus meinem Privathaushalt (Nichtraucherhaushalt, keine Haustiere, auch Abholung möglich;

Derzeit biete ich das Buch HIER an.

Schauen Sie sich ruhig auch in anderen meiner Blogbeiträge um, in denen Sie vielleicht auch das eine oder andere Buch entdecken, das Sie interessieren könnte. Sofern noch kein Verkauf vermerkt ist, können Sie es nach wie vor erwerben.

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