Warum ich keine Bücher und keine Bratpfannen verleihe….

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Sprachgefühl © Liz Collet

Unlängst fragte jemand in einem der sozialen Netzwerke in einer Bücherfreunde- Gruppe, wie die anderen es mit dem Verleihen von Büchern hielten.

Die Antworten waren lesenswert.

Ich verleihe seit langem keine Bücher mehr. Dafür sind vor allem zwei Erlebnisse verantwortlich.

Das eine war nicht nur eine interessante Erfahrung über den unterschiedlichen Umgang und Wertschätzung mit Büchern. Sondern auch lehrreich über das Verhalten von Menschen bei Fehlern, Pannen.

Als Kinder, wir waren ca 9 , 10 Jahre alt,  tauschten wir mit Schulfreundinnen und Nachbarskindern Bücher leihweise aus und freuten uns darüber, so mehr zu lesen zu haben, als jeder von uns selbst besass und zu Geburtstagen oder Weihnachten geschenkt und über den Bücherbus zu leihen bekommen konnte.

Wir gingen pfleglich mit den Büchern der jeweils anderen um. Eigentlich. Und gaben sie immer und auch meist schnell wieder zurück, denn diejenigen, die tauschten und gern lasen, lasen auch viel und schnell. Und freuten uns schon darauf, mit jedem wieder zurückgegebenem Buch ein anderes beim anderen auszuleihen. Manche hatten mehr Bücher als andere, wie eines der Mädchen, dessen Mutter in einem Verlag arbeitete, wo sie die Schneider Bücher (heiss begehrte Bücher für Mädchen damals,  die Hanni und Nanni, Dolly und andere Bücher lasen) und andere kostenlos oder günstig bekam und ihrer Tochter mitbrachte. Ein anderes der Mädchen bekam viele Bücher von vielen Verwandten geschenkt. Und andere wünschten sie sich zu Geburtstagen und Weihnachten und sparten das Taschengeld für Bücher. Und so ergab sich ein wunderbar von selbst funktionierender kleiner Lesezirkel, in dem munter Bücher ausgeliehen wurden.

Bis ich ein Buch Woche um Woche um Woche nicht von einem Nachbarsmädel zurück erhielt, das sie sich von mir entliehen hatte. Ich hatte es zum Geburtstag geschenkt erhalten. Ich genierte mich, sie nach dem Buch zu fragen und zu drängeln. Ihre Mutter arbeitete in einem Verlag, in dem sie für die Tochter oft und kostenlos Schneider Bücher bekam und ich dachte zunächst, sie hatte vielleicht einfach noch zu viel und andere zu lesen und mein Buch noch nicht gelesen. So wartete ich also erst eine Weile, bis ich sie erstmals darauf ansprach, denn auch eine andere Freundin hatte es sich von mir leihen wollen.

Und natürlich wollte ich es nach einigen Wochen allmählich gern zurück haben.

Sie reagierte ausweichend. Ich fragte sie, ob sie es sich – wenn sie nicht dazu komme, es zu lesen – nicht einfach ein anderes Mal wieder leihen wolle, sie wurde pampig, sie werde es mir schon noch wieder geben. Ich war überrascht von dem Ton, für den es keinen Grund gab. Wollte es aber nicht zu Streit kommen lassen, erwiderte nichts und wartete daher weitere Tage ab.

Es vergingen weitere zwei Wochen bis ich sie erneut ansprach, ob sie das Buch – eines der Schneider Bücher, die so dick ja nicht waren und die wir sonst binnen 2-3 Tagen ausgelesen hatten – in den kommenden Tagen bitte zurückgeben möchte.

Sie blaffte mich noch heftiger als beim vorangegangenen Mal an, noch bevor ich den Satz ausgesprochen hatte, ich solle mich mit meinem Buch nicht so haben, so toll sei es nun auch wieder nicht und ich bekäme es schon irgendwann wieder zurück.

Ich kam gerade noch dazu zu fragen „Was ist denn mit Dir los? Ich bitte Dich nur und Du patzt mich so an…? Wenn es Dir ohnehin nicht gefällt, dann sei so nett und gib es mir bitte nachher doch gleich zurück“, bevor sie sich umdrehte und mich stehen liess. Mehr als die Sache mit dem Buch schmerzte das Verhalten, das unerklärlich war.

Es vergingen weitere zwei Wochen und mir war es zu unerfreulich nach dem letzten Mal gewesen, sie noch einmal anzusprechen, doch ergab sich das nicht, denn sie ging mir seither aus dem Weg. Anderen Kindern fiel es auf, mit denen wir bisher gemeinsam spielten und Bücher tauschten. Sie sprachen sie darauf an, da erfand sie Lügen, warum sie mit mir nicht mehr befreundet sei. Da die anderen nicht glauben wollten, was sie behauptete, erzählten sie mir davon, ratlos, was mit dem Mädchen los sei. Doch da sie mir aus dem Weg ging, ergab sich keine Gelegenheit, sie – unter vier Augen natürlich – darauf anzusprechen, was eigentlich los sei. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als entweder zu warten oder mir ein Herz zu fassen und eines Abends an der Türe bei ihr zu klingeln, um ihr die Gelegenheit zu geben es zu bereinigen – und mir auch mein Buch zurückzugeben, wenn sie schon nicht mehr mit mir befreundet sein wollte. Ich war im Gegensatz zu ihr – ein eher schüchternes und zurückhaltenderes Kind, seinerzeit und es kostete mich ohnehin Überwindung. Es war ihre Mutter, die mir öffnete, ihre Tochter war nicht da. Und so bat ich sie nur, ihr auszurichten, sie möge mir bitte mein Buch anderntags zurückgeben. Nichts geschah an den folgenden Tagen.

Da auch meine Schwester mein Buch hatte lesen wollen und ich sie immer wieder vertröstete, war schliesslich meine Mutter auf die Sache aufmerksam geworden und sprach mich an, warum ich das Buch so lange nicht zurück bekäme. So „beichtete“ ich schliesslich, was geschehen war und dass ich mir keinen Rat mehr wusste, wie ich im Guten mein Buch wieder zurückbekommen könnte, wo selbst freundliche Bitte und Erinnern solches Verhalten nach sich zog, das ich unschön genug fand und welche Lügen es bei anderen gegen mich nach sich zog. Dass weitere Erinnerung an die Rückgabe nach den erfolglosen Versuchen durch mich keinen Sinn haben würden, war auch meiner Mutter klar. Und so tat sie etwas, das sie sonst nie tat. Sie mischte sich in Kinderkram ein, den Kinder eigentlich sonst untereinander zu regeln hatten, wie meine Eltern sonst fanden. Kinder machen Kinderkram untereinander aus. Es sei denn, einer verhaut den anderen so, dass er zum Arzt müsste. Petzen bei Eltern anderer oder bei den eigenen Eltern, damit die einschreiten galt als ……………feig. Unreif. Unfähig, sich selbst durchzusetzen und miteinander auszukommen. So war es mir unangenehm genug, meiner Mutter davon überhaupt etwas zu sagen.

Es vergingen ein paar Tage, bis es sich ergab, dass die beiden Mütter zufällig des Weges einander begegneten und wie sonst und so oft ein paar Worte über dies und das plauderten. Und meine Mutter – nett und beiläufig – die andere Mutter bat, ihre Tochter doch netterweise noch einmal an das Sowieso-Buch zu erinnern und es zurückzugeben und es sich – wenn sie nicht zum Lesen komme seit Monaten – es sich doch einfach wieder einmal auszuleihen, wenn sie mehr Zeit dafür fände.

Anderntags waren einige Nachbarskinder und ich beim Gummibandhüpfen im Hof, als jenes Mädchen zornig zu uns herüberkam, mir das monatelang entliehene Buch vor mir auf den Boden warf mit den Worten „Da hast Du es, Dein albernes Buch“, sich umdrehte und ging. Die anderen Nachbarskinder und ich standen sprachlos vor dem aufgeschlagen und angefleddertem Buch, das vor mir auf dem Boden lag und nicht nur durch den Wurf Schaden genommen hatte, sondern noch etwas anderes aufwies: Es war auf der gesamten Rückseite des Einbandes angeschmort und verkokelt, als habe es halb auf einer Herdplatte gelegen.

Nun wäre das an sich kein Drama gewesen. Ich hätte es ihr nicht einmal verübelt, wenn sie es mir einfach zurückgegeben hätte, ein Malheur wie das konnte schliesslich jedem passieren. Und wichtig wäre – für mich – eh nur gewesen, dass bei solch  einem Anschmoren eines Buches nicht mehr passiert wäre, wie ein Brand, der dabei geschehen konnte. Sicher, es war verkokelt, aber nur der Einband, das Buch war weiterhin lesbar. Sicher, es war ein Geburtstagsgeschenk gewesen, aber es war eine Sache, ersetzbar. Ein wenig peinlich wäre gewesen, wenn die Tante, die es mir geschenkt hatte, es gesehen und gedacht hätte, ich hätte es so malträtiert und wäre so unschön damit umgegangen. Aber das hätte sich ja erklären lassen.

Und ob das Nachbarsmädchen es ersetzte oder nicht, es war letzten Endes nur eine Sache.

Dass sie nicht einfach kam und sagte, was ihr passiert war und es mir zurückgab, tat mehr weh, als der Brandfleck auf dem Bucheinband. Und ihr Verhalten. Es machte mich traurig. Nicht einmal ärgerlich, dass und wie sie mich  behandelte, anstatt das Buch einfach zurückzugeben. Mit oder ohne eine Entschuldigung für das Malheuer, das Buch ersetzend oder nicht, das alles war mir unwichtig. Nicht aber, wie sie sich verhalten hatte. Und noch immer verhielt. Doch war Streiten meine Sache nicht, für mich war die Sache damit erledigt. Die Freundschaft musste ich nicht beenden, die hatte sie selbst ja bereits über Bord geworfen.

Der Zufall hatte es gewollt, dass meine Mutter die Szene mitbekam, weil sie dabei war, die Fenster zu putzen und alles hörte und natürlich das Buch sah, als ich nach Hause kam. Ich hörte nur, was sie am Telefon sprach. Es war nicht viel. Und sehr nett und freundlich. Dass es keine schlimme Sache sei, wenn man ein Buch kaputt mache, das könne passieren. Aber es sei nicht sehr schön, dann das Buch nach wochenlangem Warten und Bitten beschädigt vor die Füsse geworfen zu bekommen, wie man einem Hund keinen Knochen hinwerfe. Und mit einer Freundin und Nachbarn eigentlich nicht umgehen müsste. Das sei nicht sehr schön. Sie sei aber wirklich sehr froh, dass ausser dem Buch mit seinem Brandfleck der Nachbarstocher bei dieser Panne am Herd nichts geschehen sei. Wäre ihr etwas dabei passiert, das hätte uns viel mehr ausgemacht, als der Schaden an einem Buch…… ein Buch, das sei doch nur ein Buch.

Ein paar Tage später lag ein schmales Päckchen in unserem Briefkasten. Ein eingepacktes Schneider-Buch. Mit einer Visitenkarte des Verlages, in dem die Mutter des Mädchens arbeitete. Mit ihrer Handschrift „Viel Freude weiterhin mit Büchern, von Herzen …. “ die Unterschrift der Mutter.

Ich hätte kein neues Buch bekommen müssen. Mir meines zurückzugeben, hätte genügt. Und …….es vielleicht nicht vor die Füße geworfen zu bekommen. Zusammen mit dem, was bis dahin als Freundschaft bestanden hatte.

Die Nachbarschaft blieb. Und anders als bei Gerhard Zwerenz war sie danach weiter gut nachbarschaftlich und friedlich. Man muss nicht auf den anderen feuern. Um sich nicht alles gefallen zu lassen. Was zu unschön ist, als dass es einem gefallen muss. Aber man muss sich auch nicht alles unwidersprochen vor die Füße werfen lassen. Respekt……….und Wertschätzung nicht nur für Bücher und den Umgang mit ihnen, sondern mit anderen Menschen hat auch damit etwas zu tun, Rückgrat zu zeigen. Beim Malheur zu dem man steht. Und bei dem, was man sich nicht gefallen lassen muss.

Manchmal macht allein der Ton schon einen Unterschied, wie ………man sich etwas nicht gefallen lassen muss.

Bratpfannen und Bücher……..verleihe ich übrigens nicht. Die einen nie. Die anderen nicht mehr. 😉

Lesetipp:

  • Gerhard Zwerenz: Nicht alles gefallen lassen, 1962; Schulbuchgeschichten, Fischer TB, Frankfurt.
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Ein Gedanke zu “Warum ich keine Bücher und keine Bratpfannen verleihe….

  1. Pingback: Über Bücher, Büchermenschen und Bücherbanditen und die Grenzen der Notwehr mit Bratpfannen | Lizchens Büchersofa

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