„Nicht alles gefallen lassen!“ – Zum Tode von Gerhard Zwerenz

First Class - in der allerersten Klasse

First Class – in der allerersten Klasse

Es war die Geschichte eines Nachbarschaftsstreites, welche ihren Anfang mit einer entliehenen und nicht zurückgegebenen Bratpfanne nahmn, mit der Gerhard Zwerenz erstmals meinen Leserinnenweg kreuzte.

Und sie begegnete mir in der 1. Grundschulklasse gegen Ende deren Jahres. Da wurde sie – ich sehe wie heute den Bogen vor mir, auf den die Geschichte abgetippt und auf Matrizenpapier gezogen worden war – als loses Blatt verteilt.

Den Namen des Autors – ich muss das gestehen – hatte ich in den folgenden Jahren nicht so sehr in Erinnerung behalten, wie die Geschichte als solche. Das Papier war irgendwann wie alle Schulhefte den Weg irdischen Schicksals gegangen.

Und so blieb die Erinnerung, nicht aber der Name des Autors gedanklich hängen. Vielleicht hätte ihn das weniger gestört, als man der Eitelkeit mancher Autoren zu Recht oder Unrecht nachsagen oder unterstellen mag, weil entscheidend vielleicht eher der Inhalt der Geschichte als der Name des Autors für die Bildung von Kindern sein mochte. Ich weiss es nicht. Gefragt habe ich ihn das natürlich nicht.

Die Geschichte aber blieb mir bis ins Detail sehr genau in Erinnerung.

Manchmal ergab sich auch aus Situationen, besonders an sie zu denken. Wie etwa in der Zeit, zu der wir als Kinder mit Schulfreundinnen und Nachbarskindern Bücher leihweise untereinander ausliehen. Wir freuten uns darüber, so mehr zu lesen zu haben, als jeder von uns selbst besass und zu Geburtstagen oder Weihnachten geschenkt und über den Bücherbus zu leihen bekommen konnte.

Wir gingen pfleglich mit den Büchern der jeweils anderen um. Eigentlich.

Und gaben sie immer und auch meist schnell wieder zurück, denn diejenigen, die tauschten und gern lasen, lasen auch viel und schnell. Eigentlich.

Und freuten uns schon darauf, mit jedem wieder zurückgegebenem Buch ein anderes beim anderen auszuleihen.Eigentlich.

Es war ein wunderbar von selbst funktionierender kleiner Lesezirkel. Eigentlich.

Bis ich ein Buch Woche um Woche um Woche nicht von einem Nachbarsmädel zurück erhielt, das sie sich von mir entliehen hatte.  Ich hatte es zum Geburtstag geschenkt erhalten. Und  genierte mich, sie nach dem Buch zu fragen und zu drängeln, es erschien mir unhöflich und man fühlt sich leicht wie ein Spielverderber oder kleinlich, wenn man sich wie ein „Buch.Halter“ nach dem Zurückerhalt des verliehenen Buches erkundigt, als wolle man es so schnell zurückbekommen, als habe man es gar nicht verleihen wollen.  Bis ich – es waren bereits mehr als zwei Monate vergangen, in denen wir sonst dutzende solcher Schneider Bücher durchgeschmökert hätten – sie erstmals bat, es mir gelegentlich zurückzugeben, da sie es sicher inzwischen gelesen habe….  Was dann geschah, ist eine  lehrreiche Geschichte für sich und mich gewesen. Über Menschen. Und eine, die dazu führte, dass ich nur noch selten, wenn überhaupt Bücher verliehen habe. Und das nur noch an eine – wörtlich – Handvoll Menschen, die wie ich selbst aus einem Buch und einer Bratpfanne keinen Krieg anzetteln, sondern sie wohlbehalten wieder zurückgaben. Oder die selbst wenn dies nicht möglich wäre, schlicht und einfach zugegeben hätten, dass sie es beschädigt oder verloren haben. Und ersetzt hätten oder sich zumindest entschuldigt und zu dem gestanden hätten, dass ihnen eben ein Malheur passierte. Ein Malheur, das jedem Menschen passieren kann.  Wie man mit dem Malheur umgeht, ist eine andere Sache. Mancher zettelt lieber einen Krieg an, als ein Malheur zuzugeben. Selbst wenn  nicht er, sondern gerade der andere eigentlich Grund hätte, sich zu ärgern. Und der andere ihm nicht einmal Vorhalte macht, der eigentlich verärgert sein könnte.

Einige Jahre später, als ich nach der Geschichte von Gerhard Zwerenz während meiner ersten Studiensemester suchte, war das ein bisschen schwierig, sie wiederzufinden,  da keiner sie zu kennen schien, als einzelne Geschichte war sie nicht veröffentlicht zu finden und Internet noch nicht verfügbar.

Bei dem, was ich später von Gerhard Zwerenz las – wer wäre um seine Bücher und die Medien und das Thema von „Soldaten als Mörder“ und als Jurist auch um den Rechtsstreit herum- und an Zwerenz daher vorbeigekommen- , wurde (warum – wer weiss das schon?) diese Geschichte nie namentlich erwähnt. Und so war es eher ein Zufall, dass und als ich sie schliesslich wieder entdeckte und endlich auch den Namen ihres Autors dabei und diesen wieder zuordnen konnte.

Von dem, was er danach und sonst geschrieben hat, ist vieles interessant und lesenswert.

Mir………… ist von allem aus seiner Feder die Geschichte mit der Bratpfanne und dem kleinen Funken, aus dem Nachbarschaftskriege bis hin zu internationalen Auseinandersetzungen folgen können, die liebste, weil eindrucksvollste Geschichte.

Nicht allein für die Juristin (und für die jahrelange Tätigkeit als Anwältin, der immer auch ein guter Teil streitbeilegender anstatt prozesstreibender Aufgabe lieb und wichtig war), nicht allein für die Mutter, die auch dem eigenen Kind als Elternteil zu vermitteln suchte, was man selbst als Kind lernte. Über Streit und Konfliktlösungen, die im menschlichen Leben nun einmal nicht ausbleiben.

Diese Geschichte von Gerzhard Zwerenz „Nicht alles gefallen lassen“ ist – und das ist ja auch der Versuch des Rechts in seinem ältesten wie heutigen Formen – im Grund so alt und neu wie die Menschheit. Und ebenso alt die Fähigkeit und Bereitschaft der Menschheit, sich und dem Gegenüber, dem Nachbarn nicht leichter Böses zu unterstellen, als sie selbst unterstellt bekommen möchte. Dem anderen die gleiche Gelegenheit zur Klärung eines Mißverständnisses zu geben, zur Korrektur vielleicht auch eines Fehlers, wie man sie selbst im Fall der Fälle gerne hätte. Sie ist eine Parabel auf Klischees, Vorurteile und vorschnelle Urteile, Selbstgerechtigkeit und Selbstjustiz und dafür, wie gern und schnell und selbstgewiss der Mensch sicher seiner und seines Urteils über andere ist. Und wie blind für wahre Ursachen und mögliche Ursachen und andere Fragen und Antworten als jene, die er für die allein gültigen und maßgeblichen hält. Und – last not least – auch für die Fähigkeit des Erinnerns, Vergessens und Nachtragens, wo Nachsehen und Nachsicht manchmal den besseren, klügeren und streitvermeidenden und -beilegenden Weg erlauben könnten.

Aktueller als jetzt könnte sie nicht sein. Und lesenswerter denn je. Sie ist nicht nur für das kleine Miteinander der Nachbarn, die sich Bratpfannen oder anderes leihen, sondern auch für Nachbarn in Europa und überhaupt ein hübsches Lehrstück für verpasste Möglichkeiten des Mit- und Zueinanders, die im Gegeneinander und Schaden für alle enden.

Gerhard Zwerenz starb am Montagmorgen im Alter von 90 Jahren nach längerer Krankheit.

  • Gerhard Zwerenz: Nicht alles gefallen lassen, 1962; Schulbuchgeschichten, Fischer TB, Frankfurt.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s