Urheberrechtsstreit um die Tagebücher von Anne Frank

Freiheiten © Liz Collet

Freiheiten © Liz Collet

Um die Tagebücher von Anne Frank ist erneut ein Urheberrechtsstreit entbrannt.

1.

2015 hatte bereits ein Gericht entschieden, dass Texte aus den Tagebüchern von Anne Frank für wissenschaftliche Zwecke kopiert und veröffentlicht werden dürfen. Die Freiheit der Wissenschaft habe Vorrang vor dem Urheberrecht, urteilte das Gericht in Amsterdam. Der Anne-Frank-Fonds in Basel hatte gegen die geplante Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Studie der Manuskripte geklagt.

Der Fonds besitzt zwar die Rechte an den weltberühmten Tagebüchern, die das Anne Frank  im Versteck vor den Nationalsozialisten in Amsterdam während des Zweiten Weltkrieges geschrieben hatte.

Die Tagebücher sind aber im Besitz des niederländischen Staates und als Dauerleihgabe der Amsterdamer Anne-Frank-Stiftung zur Verfügung gestellt worden. Beide Organisationen sind seit Jahren in einen gerichtlichen Streit um die Texte verwickelt.

Die Amsterdamer Stiftung hatte gemeinsam mit der Königlichen Niederländischen Akademie der Wissenschaften eine Studie zu den Manuskripten gestartet und will diese auch veröffentlichen. Dafür wurden auch Originaltexte genutzt. Das ist nach dem Gerichtsurteil statthaft. Der Fonds habe – so die Richter –  keine inhaltlichen Argumente gegen die Studie angeführt, auch gehe es nur um eine begrenzte Anzahl von Texten.

Zusätzlich wollte die Stiftung ursprünglich 2016 auch eine wissenschaftliche Gesamtausgabe der Manuskripte herausgeben. Dieses Projekt wurde jedoch vorerst ausgesetzt. Das Urheberrecht an den Tagebüchern endet im Prinzip 70 Jahre nach dem Tod von Anne. Da aber noch 1986 eine Ausgabe mit bis dahin unveröffentlichten Texten erschienen war, gilt dem Gerichtsurteil zufolge das Urheberrecht weitere 50 Jahre bis 2036.

2.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Tagebücher von Anne Frank die Justiz beschäftigen, nachdem immer wieder Fälschungsbehauptungen aufgestellt worden waren, auch wenn es sogar unter Juristen erstaunlich wenige zu geben scheint, die wissen, dass sich u.a. das Landgericht Hamburg 1990 damit befassen hatte müssen:

Das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) in Amsterdam hatte 1986 mit der Publikation der ersten kritischen Ausgabe der Tagebücher zugleich eine wissenschaftliche Untersuchung über die Echtheit der Manuskripte von Anne Frank veröffentlicht. Dafür wurden vom Gerichtslaboratorium des niederländischen Justizministeriums in Rijswijk Handschriften, Papier, Leim, Tinten u. a. untersucht. Das Ergebnis belegt die Echtheit des Tagebuchs.

Die Echtheit des Tagebuchs wurde  durch das Urteil des Landesgerichts Hamburg vom 23. März 1990 bestätigt. 

Wenn ich mich heute umhöre, erstaunt mich manchmal, wie viele oder auch weniger Menschen wirklich noch die Tagebücher von Anne Frank gelesen haben. Nicht den Film oder einen der Filme über Anne Frank gesehen oder hier oder da einmal einen Dokumentation über sie oder die Tagebücher. Sondern wirklich die Tagebücher selbst und ganz gelesen haben.

Was genau heisst eigentlich „die Tagebücher“? Dies zu definieren ist schon nicht ganz leicht, denn

„Angesichts der dramatischen Umstände an jenem fatalen 4. August 1944 sowie der Unordnung, die in der Folgezeit im Hinterhaus herrschte, ist es ein Wunder, dass die handschriftlichen Manuskripte des Tagebuchs erhalten geblieben sind.
Aus der ursprünglichen Fassung A des Tagebuchs und der von Anne Frank selbst umgeschriebenen Fassung B, stellte Otto Frank eine gekürzte dritte Fassung C zusammen. Er musste kürzen, da der Verlag nur eine bestimmte Anzahl Seiten drucken wollte. Auch wurden ganze Passagen oder bestimmte Formulierungen, die für den Vater zu viel Intimitäten preis gaben, gestrichen. 
In «Die Tagebücher der Anne Frank», einer wissenschaftlichen Untersuchung des  Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation wurden 1986 sämtliche Texte von Anne Frank in einer ersten Kritischen Ausgabe veröffentlicht.“

so HIER zu lesen.

Ebenso wie die Entstehung des (ersten) Buches, das am 25. Juni 1947 unter dem Titel «Het Achterhuis» in den Niederlanden herausgegeben wurde und dem 1950 die deutsche und die französische Fassungen des «Tagebuchs» folgten. 1952 erschien die erste Auflage des «The Diary» in den USA, die gleich zu einem Bestseller wurde.
Als Otto Frank 1980 starb, vermachte er die Originalaufzeichnungen testamentarisch dem Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation. Heute beherbergt das Anne Frank Haus in Amsterdam die handschriftlichen Manuskripte des Tagebuchs.

Eine Vielzahl von weiteren Veröffentlichungen in unzähligen Sprachen und Sekundärliteratur wurde publiziert.

Das Tagebuch, das das jüdische Mädchen Anne Frank in seinem Amsterdamer Versteck vor den Nazis geschrieben hat, ist sowohl in literarischer als auch in politischer und historischer Hinsicht von ungebrochener Bedeutung. Die Rechte an dem Werk liegen beim Anne-Frank-Fonds in Basel, einer Stiftung, die von Anna Franks Vater Otto 1963 gegründet worden war.

3.

Seit einigen Tagen aber ist eine alte Edition auf dem Internet zugänglich: Ein französischer Blog schaltete diese Version online. Bei diesem Text und angesichts dessen, wofür er stehe, gebe es keinen wichtigeren Kampf als den um seine grenzenlose Weiterverbreitung, lautet seine Begründung für seine Veröffentlichung der Texte.

70 Jahre nach dem Tod eines Autors erlöschen gemäss EU-Recht die Urheberrechte an dessen Werken. Im Falle von Anne Frank wären sie gemäss diesen allgemeinen Regeln am 1. Januar 2016 verfallen. Seit diesem Tag gehöre das Tagebuch – so der französische Blogger – jedem seiner Meinung nach.

Im Falle von Anne Frank ist die Sache aber komplizierter, weil es sich beim Tagebuch, wie es heute zu kaufen ist,  um eine Edition der Aufzeichnungen von Anne Frank handelt, wie oben geschildert.

Der die Rechte innehaltende Fonds fürchtet eine publizistische Trivialisierung unter dem Label «Anne Frank», vor Best-of-Zusammenfassungen oder wissenschaftlich ungenügenden Aufarbeitungen in unpassendem Kontext. Es entspreche wohl der Idee von Anne Franks Vater Otto, dass das Tagebuch breit zugänglich sei und seine Wirkung entfalten könne, doch das bedeute nicht, dass jeder damit machen soll, was ihm einfalle.

Zum Bericht über den nicht nur aus juristischer Sicht interessanten Rechtsstreit HIER.

Ausserdem:
Anne Frank : bataille de droits posthume

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